26.10.2015

Singen ohne Ton, Mittanzen zu Gitarrenrock und Predigt gegen Pegida

Die Gruppe "Oirfia" lockte mit keltischer Musik weit mehr als 100 Besucher in die Immanuelkirche.
Die Gruppe "Oirfia" lockte mit keltischer Musik weit mehr als 100 Besucher in die Immanuelkirche. (Fotos: C. Braun)

Tausende Besucher bei der 15. Nacht der offenen Kirchen in Aachen - Buntes Bild mit ganz unterschiedlichen Kulturangeboten

"Auch im fünfzehnten Jahr - die Nacht der offenen Kirchen klappt einfach, und sie hat jedes Jahr wieder was." Nachdem Pfarrer Redmer Studemund am Freitagabend noch zusätzliche Stühle und Sitzkissen für den Boden in den Kirchraum der Immanuelkirche im Aachener Süden gebracht hatte, fanden immer noch nicht alle Besucher einen Platz, so groß war der Andrang. "Es sind einfach sehr viele Leute aus der Nachbarschaft da, viele Katholiken, aber auch unsere Kerngemeinde", sagt Pfarrer Studemund, "und wenn wir keltische Musik anbieten, haben wir ohnehin immer ein volles Haus." Auch Gitarrist Renaud Marquart von der Gruppe "Oirfia" war überrascht und scherzte, als immer mehr Menschen hereinkamen: "Da vorn gibt es noch drei freie Plätze auf der Orgelbank, aber dann müssen Sie auch mitspielen!" Doch die Orgel hätte vielleicht doch nicht ganz  zur irischen Harfe, Geige, Flöten, Tympanon, Cello und Trommel gepasst. Nach einem Abendimbiss mit Brot und Käse schloss sich dann der Film "Almanya. Willkommen in Deutschland" an. Wer nach dem Konzert von "Oirfia" noch andere Kulturangebote anschauen wollte, hatte die Qual der Wahl zwischen 34 weiteren Kirchen, darunter in diesem Jahr vier weiteren evangelischen.

Der Zirkus Configurani der Viktoriaschule sorgte in der Auferstehungskirche für Begeisterung. (Foto: S. Klumpp)
Der Zirkus Configurani der Viktoriaschule sorgte in der Auferstehungskirche für Begeisterung. (Foto: S. Klumpp)

Gemeinsam mutig in der Auferstehungskirche

So stand das Programm in der Auferstehungskirche in diesem Jahr unter dem Motto „Wir fassen uns ein Herz“. Gemeinsam versuchten die Besucher dort herauszufinden, was „Mut“ ist und was es bedeutet, mutig zu sein. Den Anfang machte dabei am frühen Abend das Kinderprogramm, unter anderem mit dem Konzert „Frosch ist mutig“. „Seit fünf Jahren feiert die Auferstehungskirche die Nacht der offenen Kirchen in einem guten Kreis“, sagte Pfarrer Martin Obrikat und meinte dabei die verschiedenen Institutionen und Organisationen, die in Nachbarschaft zur Auferstehungskirche liegen und sich am Programm beteiligten.

„Die Kirchennacht ist immer wieder eine tolle Gelegenheit, Menschen – auch konfessionsübergreifend – in die Kirche zu bringen“, sagte Pfarrer Obrikat. Das vielseitige Programm verleite regelmäßig bis zu 10.000 Menschen dazu, in die Aachener Kirchen zu kommen: „Die Nacht der offenen Kirchen bietet ein sehr buntes Bild. Die Kirchen haben sehr unterschiedliche Profile und stellen sich in dieser Nacht auch sehr unterschiedlich dar.“ Gerade die Kirchen in der Stadtmitte seien sehr einladend für Menschen, die sonst vielleicht nicht den Weg in die Kirche gehen: „Man kann hier an einem Abend viele verschiedene Orte besuchen, sich treiben lassen und sehr viel Schönes und Warmes mitnehmen.“

Zeigten, dass man auch ohne Stimme singen kann: Der Gebärdenchor der Grundschule am Römerhof in der Auferstehungskirche. Unten: Der Applaus dazu in der Gebärdensprache. (Fotos: S. Klumpp)
Zeigten, dass man auch ohne Stimme singen kann: Der Gebärdenchor der Grundschule am Römerhof in der Auferstehungskirche. Unten: Der Applaus dazu in der Gebärdensprache. (Fotos: S. Klumpp)

Am späteren Abend konnten die Besucher der Auferstehungskirche dann zusammen „auf das hören, was uns mutig macht.“ Dass man dazu noch nicht mal wirklich etwas hören muss, zeigte der Gebärdenchor der Grundschule am Kupferhof: Gemeinsam „sangen“ Kinder mit und ohne Hörbehinderung Lieder in Gebärdensprache. Mutig waren auch die Akrobaten des Zirkus Configurani der Viktoriaschule, die waghalsige Stücke aus ihrem Programm „Fluch der Karibik“ aufführten. Und Mitglieder der Lebenshilfe erzählten von Antworten auf die Frage „Was ist Mut für Sie?“, die sie verschiedenen Menschen gestellt hatten: „Für mich ist es mutig, abends alleine raus zu gehen“ hatte eine der Befragten gesagt. Und ein anderer meinte, es sei mutig, „etwas vor anderen zu machen, zum Beispiel schauspielern.“ Aber auch die Lebenshilfe selbst sei mutig gewesen, als sie vor fünf Jahren das erste Mal am Programm der Nacht der offenen Kirchen in der Auferstehungskirche teilgenommen habe. Zum Ende wolle man die Besucher dazu ermutigen, gemeinsam mutig zu sein, sagte Pfarrer Obrikat. So sollten sich alle Besucher in einem großen Kreis in der Kirche aufstellen und zusammen verschiedene Tanz, Klatsch- und Singübungen spielen.

Der Gospelchor "Voices of Praise" mit Frontfrau Darnita Rogers begeisterte das junge Publikum eben so wie die Rockband "Hôpital“. (Fotos: G. Kaibel)
Der Gospelchor "Voices of Praise" mit Frontfrau Darnita Rogers begeisterte das junge Publikum eben so wie die Rockband "Hôpital“. (Fotos: G. Kaibel)

Junges Programm in der Friedenskirche rockt

Einige Singübungen hat auch sie sicher in ihrem Leben bereits gemacht: die stimmgewaltige Darnita Rogers. An diesem Abend machte sie in der Friedenskirche an der Passstraße den Auftakt des überwiegend musikalisch geprägten Programms mit dem Gospelchor „Voices of Praise“. Es folgte das Djemben-Ensemble „Schlagbaum“, das das Publikum mit seinen neun afrikanischen Trommeln in eine ganz andere Klangwelt einführte. Das Sich-Vertiefen in den Rhythmus, die Freude an der Interaktion der Trommlerinnen und Trommler und das Entdecken der zahlreichen Schlag-Variationen beeindruckte die Zuhörenden.

Nach einer kleinen Umbaupause folgte der Auftritt von „Hôpital“, die in der Friedenskirche eine große, feste Fangemeinde versammelten und mit ihren stimmungsvollen, Songs und mit neuem Bassisten restlos begeisterten. Ganz besondere Momente entstanden, wenn  Mareen Jopeks Leadvocals mit den Cellomelodienlinien von Antonin korrespondierten und die akustischen Gitarren von Frank und Torge ihren Klangteppich ausbreiteten.

"Roadtrip Radio" und das Poetry-Slam-Solo von Tim Jägersberg trafen genau den Geschmack des jungen Publikums. (Fotos: G. Kaibel)

Besonders freute es die Organisatoren, dass  „Roadtrip Radio“ ihnen auch in diesem Jahr sofort wieder eine Zusage für die Nacht der offenen Kirchen gegeben hat. Die vier Musiker  hielten mit ihren kraftvollen Songs die gute alte Gitarrenrocktradition der Friedenskirche hoch und brachten das Publikum in die mitrockende, aktive Vertikale. (Einen besonderen Dank an den Gitarristen Jan, der unseren ersten Versuch in Sachen Digitalmixing und Live-Recording tatkräftig unterstützt hat.)

Da es  immer ein gutes Zeichen ist, wenn das Publikum Zugaben einfordert und sich die vorgesehenen Programm-Zeiten nach hinten verschieben, war der Abend schon sehr fortgeschritten als Tim Jägersberg das Publikum mit seinem Slam-Poetry-Solo-Programm „InjuZtice“ zum Zuhören brachte. Mit überzeugender, fesselnder Stimme trug er seine Texte vor, unter denen die „Hipster-Weihnacht“ sicher „das“ Highlight des Abends war, der dann deutlich nach Mitternacht mit dem von Pfarrer Popien zugesprochenen Segen seinen Abschluss fand.

Das Publikum war in diesem Jahr bereits um 20 Uhr zahlreich vertreten und unserem Eindruck nach jünger als in den vergangenen Jahren. Vor allem der Gospelchor und die beiden Bands Hôpital und Roadtrip Radio hatten eine große Fanbase mobilisiert, so dass  im Laufe des Abends etwa 500 wechselnde Besucherinnen und Besucher vor Ort waren. Sehr schön war die gute Atmosphäre während des gesamten Abends. Obwohl das Publikum und die Musikdarbietungen sehr unterschiedlich waren,  herrschte eine offene und sehr fröhlich Stimmung. Auch die Musiker waren größtenteils vor und nach ihren Auftritten vor Ort, nutzen wie die Besucher die Möglichkeit im Untergeschoss etwas zu essen oder zu trinken…einfach supernett. Toll auch die vielen Jugendlichen und Ehrenamtlichen, die zusammen mit der Jugendreferentin Isabel Steinert und Presbyter Paul Kempa beim Aufbau, während des Abends und bis tief in die Nacht beim Abbau und Aufräumen geholfen haben.

In der Annakirche sang der Taborchor der Pfarre St. Katharina aus Forst. (Fotos: S. Klumpp)

Kaberett und ruhigere Töne in der Annakirche

Deutlich ruhigere Töne erklangen hingegen in der Annakirche, wo der Taborchor der Pfarre St. Katharina in Aachen-Forst sich die tolle Akustik des Kirchraums zu Nutze machte, um bei gedimmtem Licht und Kerzenschein sein Konzert „Gott liebt diese Welt“ zu spielen. Begleitet wurde das Konzert von Meditationstexten. Zuvor hatte in der Annakirche das Kirchen-Kabarett "Klüngelbeutel" von Wolfram Behmenburg das Publikum mit kirchen-, religions- und alltagssatirischen Gedanken zum Schmunzeln gebracht.

Hielten das ökumenische Nachtgebet (v.l.): Elfi Kosch (Freie evangelische Gemeinde), Weihbischof Karl Bosch (katholisch), Pfarrer Armin Drack, Superintendent Hans-Peter Bruckhoff und Weihbischof Evemnios von Lefka (griechisch-orthodox) (Foto: S. Klumpp)
Mehrere Vertreter der ACK hielten gemeinsam das ökumenische Nachtgebet (Foto: S. Klumpp)

Superintendent Bruckhoff predigt im Ökumenischen Nachtgebet

Ebenfalls am späten Abend lud die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) in die Kirche St. Michael der griechisch-orthodoxen Gemeinde zum Ökumenischen Nachtgebet. Der orthodoxe Weihbischof Evmenios von Lefka, der katholische Weihbischof Karl Borsch, Frau Elfi Kosch von der freien evangelischen Gemeinde, Pfarrer Hans-Peter Bruckhoff, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises, und der Vorsitzende der ACK, Pfarrer Armin Drack, luden ein zum gemeinsamen Gebet am Ende des Tages und der Besinnung auf die christlichen Gemeinsamkeiten. Superintendent Bruckhoff griff in seiner Predigt einen Satz aus der Lesung aus dem 1. Petrusbrief von Weihbischof Borsch auf: „Legt ab alle Bosheit, Falschheit, Neid und Verleumdung!“

Superintendent Hans-Peter Bruckhoff
Superintendent Hans-Peter Bruckhoff (Foto: S. Klumpp)

Dieser Satz könne so auch auf einem Demonstrationsschild gegen die islam- und ausländerfeindliche Bewegung PEGIDA stehen. Mit großer Beklemmung und Sorge erlebe er, „was immer mehr in unsere Gesellschaft hineinschwappt: Benebelte, bösartige Gedanken unseren Nächsten gegenüber.“ Aus diesem Grund brauche die heute Zeit heilige Menschen, so Bruckhoff. Der Wunsch nach Heiligen möge zwar erstaunlich klingen aus dem Mund eines protestantischen Christen, „aber wir haben heute zu wenig Mitmenschen, die vorweg gehen und uns christliche Werte vorleben.“ Zum Ende rief Bruckhoff die Anhänger der verschiedenen Konfessionen zur Besinnung auf ihre Gemeinsamkeiten auf, nämlich den Glauben an Gott: „Manches stößt uns bitter auf im Hamsterrad des Alltagslebens. Lasst uns gemeinsam Gott zutrauen, dass er uns verändert.“

 

(Text: Klumpp, Popien, Braun)

Die Losungen der Herrnhuter Brüdergemeine:
Losung für den 21.11.2018:
Besser wenig mit Gerechtigkeit als viel Einkommen mit Unrecht.
Sprüche 16,8
Niemand gehe zu weit und übervorteile seinen Bruder im Handel. Denn der Herr straft dies alles.
1.Thessalonicher 4,6