28.04.2014

Neues Kommunikations- und Lernzentrum für Flüchtlinge in Würselen eröffnet

"Arbeitskreis Asyl" schafft einen Ort zum Austausch und zur Fortbildung in der Kaiserstraße - Flüchtlinge restaurieren Ladenlokale in Eigenarbeit - Kritik an restriktiver Flüchtlingspolitik

"Es gibt sicher keinen besseren Weg, Vorurteile abzubauen, als miteinander in Kontakt zu kommen", ist sich Arno Nelles, Bürgermeister der Stadt Würselen, sicher. Und in Kontakt kommen, das kann man nun in dem Kommunikations- und Lernzentrum für Flüchtlinge und Asylsuchende in der Kaiserstraße in Würselen. Die Räumlichkeiten wurden am vergangenen Wochenende feierlich eröffnet, nachdem sie vom "Arbeitskreis Asyl Würselen" renoviert und hergerichtet worden waren.

Gegründet wurde der Arbeitskreis auf Initiative von Dorothea-Elisabeth Alders, evangelische Pfarrerin in der Kirchengemeinde Hoengen-Broichweiden. Ihre Kirche in Vorweiden liegt auf der Jülicher Straße. Dort befindet sich auch die "alte Schule Vorweiden", die jahrelang als Unterkunft für Asylbewerber diente. "Die Lebensbedingungen in diesem heruntergekommenen Gebäude waren menschenunwürdig", erinnert sich Pfarrerin Alders. Das Gebäude litt unter schlimmem Schädlingsbefall, Schimmel hatte sich an den Wänden ausgebreitet. Die Asylbewerber mussten sich die kleinen, heruntergekommenen Räume teilen, ihr persönlicher Bereich war oft nur durch Kartons abgetrennt. "Jedes Mal, wenn ich an dem Gebäude vorbei ging, wurde ich traurig", sagt Alders. Im März 2012 habe sie dann gemeinsam mit einigen engagierten Bürgern die Initiative gegründet, damals noch unter dem Namen "Freundeskreis Jülicher Straße". Ziel war es, eine Alternative zu den unwürdigen Bedingungen in dem Wohnheim für die Flüchtlinge zu finden.

"Großer Sprung in der Lebensqualität"

Im Einvernehmen mit allen Parteien, den politisch Verantwortlichen und der Verwaltung der Stadt Würselen konnte die alte Schule in der Jülicher Straße schließlich geschlossen werden. Im Sommer 2013 zogen die Asylbewerber in drei Häuser in der Kaiserstraße in der Innenstadt Würselens um. Die dortigen Wohnungen sind in einem guten Zustand, frisch gestrichen, mit angemessen ausgestatteten Badezimmern und so vielen Zimmern, dass sich die meisten Bewohner über ein Minimum an Privatsphäre freuen können: "Dieser Umzug stellt sicher einen großen Sprung in der Lebensqualität der Flüchtlinge dar", sagt Jürgen Hohlfeld vom Arbeitskreis Asyl. Mittlerweile leben rund 50 Flüchtlinge in den Gebäuden in der Kaiserstraße. Zusätzlich befinden sich im Erdgeschoss des Gebäudes in der Kaiserstraße 118 zwei Ladenlokale. In diesen eröffnete der Arbeitskreis nun ein Kommunikations- und Lernzentrum für Asylbewerber. "Es ist wirklich toll, was hier entstanden ist", freut sich Hohlfeld. "Die Flüchtlinge haben die Räume hier nahezu komplett selbstständig restauriert und hergerichtet." Und das Ergebnis kann sich sehen lassen. In einem der beiden Lokale befindet sich ein großer Aufenthaltsraum, der zu Gesprächen einlädt. Das zweite Lokal ist das Lernzentrum, in dem die Asylbewerber zukünftig vor allem die Möglichkeit bekommen sollen, durch intensive Sprachkurse Deutsch zu erlernen.

Deutsche Sprache als Grundvoraussetzung für erfolgreiche Integration

Wie wichtig es für die Flüchtlinge sei, Deutsch zu lernen, betonte Hans Peter Clahsen vom Arbeitskreis Asyl: "Die Flüchtlinge erhalten vom Staat in der langen Phase, in der über ihren Asylantrag entschieden wird, kaum Möglichkeiten, an guten Sprachkursen teilzunehmen." Seit Monaten bemühe sich der Arbeitskreis daher, eine solide Sprachschulung zu ermöglichen. Leider sei dies aber bisher an den Mitteln gescheitert. Dabei seien Sprachkenntnisse die Grundvoraussetzung für eine Eingliederung in die Gesellschaft, ergänzt Pfarrerin Alders: "Nicht nur aus sozialer Sicht. Flüchtlinge, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind, haben kaum Aussichten auf eine Ausbildung oder eine legale Anstellung in Deutschland. Damit zwingt man sie in gewisser Weise zur Schwarzarbeit." Dabei sind viele der Bewohner der Unterkünfte in der Kaiserstraße hochqualifizierte Menschen, betont Hans Peter Clahsen: "Viele von ihnen haben in ihren Heimatländern ein Studium absolviert und langjährige Berufserfahrung. Von dieser Erfahrung könnten wir durchaus profitieren."

Dankbarkeit für Unterstützung

Einer dieser hochqualifizierten Flüchtlinge ist Kiflay Ghebrehiwot aus Eritrea. In seiner Heimat hat er Agrikultur studiert, bevor er vor acht Monaten keinen anderen Ausweg mehr sah als die Flucht. Bei der Eröffnung des Kommunikations- und Lernzentrums erzählt er (auf Englisch) stellvertretend für die Bewohner der Häuser in der Kaiserstraße, wie sehr der Arbeitskreis Asyl den Flüchtlingen geholfen habe: "Wir haben hier immer einen Ansprechpartner, der uns unterstützt und bei unseren Problemen hilft. Wir alle haben in Würselen einen Platz gefunden. Hier fühlen wir uns sicher." Er sei allen Menschen in Würselen sehr dankbar für die große Unterstützung, die er und die anderen Flüchtlinge erfahren haben.

Aus Fremden werden Nachbarn

Dabei gab es anfangs durchaus Proteste, erzählt Pfarrerin Alders: "Es gab auch kritische Stimmen, die kein Asylheim in der Innenstadt wollten. Viele Menschen haben Angst vor dem Unbekannten." Aus diesem Grund veranstaltete der Arbeitskreis ein großes Treffen zwischen den Bürgern und den Flüchtlingen im Alten Rathaus: "Wenn man von den schweren Schicksalen dieser Menschen hört, wenn man ihre Gesichter sieht, dann werden aus Fremden Nachbarn." Mittlerweile seien die Bewohner der Häuser an der oberen Kaiserstraße durchaus in Würselens Gesellschaft integriert, sagt Jürgen Hohlfeld. Viele ortsansässige Unternehmen hätten zum Beispiel die Renovierung der Ladenlokale unterstützt.

Kritik an restriktiver Ausländerpolitik

Doch nicht nur positive Töne wurden bei der Eröffnungsfeier angeschlagen. Hans Peter Clahsen übte Kritik an der restriktiven Ausländerpolitik. Erst vor kurzem sei einer der Bewohner abgeschoben worden und viele der Flüchtlinge leben in der ständigen Angst, ihr Asylantrag werde abgelehnt. Hier sei die Politik gefordert. Wie die Bürger helfen könnten, formulierte Bürgermeister Arno Nelles: "Wir brauchen die Akzeptanz der Menschen in unserer Stadt. Wenn wir als Bürger beweisen, dass wir Flüchtlinge in unserer Mitte akzeptieren, dann zeigen wir den politischen Entscheidungsträgern auch, dass Abschiebungen nicht notwendig sind."

(Text & Fotos: Stephan Klumpp)

Die Losungen der Herrnhuter Brüdergemeine:
Losung für den 25.11.2020:
Ihr trinkt den Wein kübelweise und verwendet die kostbarsten Parfüme; aber dass euer Land in den Untergang treibt, lässt euch kalt.
Amos 6,6
Den Reichen in der gegenwärtigen Welt aber gebiete, nicht überheblich zu sein und ihre Hoffnung nicht auf den flüchtigen Reichtum zu setzen, sondern auf Gott, der uns alles in reichem Maße zukommen und es uns genießen lässt. Sie sollen Gutes tun, reich werden an guten Werken, freigebig sein und ihren Sinn auf das Gemeinwohl richten. So verschaffen sie sich eine gute Grundlage für die Zukunft, die dazu dient, das wahre Leben zu gewinnen.
1.Timotheus 6,17-19