Aus der räumlichen Not wird eine ökumenische Tugend

Über 100 Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker kamen zum Rheinischen Kirchenmusiktag nach Aachen

Es war ein Versprecher – aber vielleicht ein Freud’scher. Brigitte Rauscher, Landeskirchenmusikdirektorin der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) kündigte das Bläser-Doppelquartett am vergangenen Samstag in der Annakirche erst als „das Bläser-Ensemble des Rheinischen Kirchenmusikfestes“ an, um sich anschließend gleich lachend zu korrigieren. War es doch „nur“ der „Rheinische Kirchenmusiktag“, zu dem aber mehr als 100 Kirchenmusiker und Kirchenmusikerinnen nach Aachen kamen. Und vielleicht wächst aus dem Besuch in Aachen auch irgendwann mehr. Darauf kommen wir später noch einmal.

Einmal im Jahr – immer am ersten Septemberwochenende – lädt die EKiR ihre haupt-, neben- und ehrenamtlichen Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker zu einem gemeinsamen Tag ein. Natürlich gibt es fachlichen Input. In diesem Jahr klassische Orgelimprovisationen mit dem Kölner Kirchenmusikdirektor Wolfgang Abendroth, Begleitung von neuen geistlichen Liedern an Klavier und Orgel mit dem Wuppertaler Pop-Kantor und Vorsitzenden des Verbands für christliche Popularmusik, Daniel Drückes, und Matthias Nagel, Professor für Popularmusik an der Hochschule für Kirchenmusik in Herford, eine Schulung der Chorpräsenz mit Schauspielerin und Theaterpädagogin Simone Silberzahn und Landeskirchenmusikdirektorin Rauscher sowie einen Bläserworkshop mit Landesposaunenwart Jörg Häusler und Komponist Jens Uhlenhoff.

Wechselnde Veranstaltungsorte für die Begegnung

„Vor allem geht es aber darum, sich zu begegnen“, erläuterte Rauscher eine zweite wichtige Intention. Denn als Kirchenmusiker oder Kirchenmusikerin hat man wenig Kontakt zu seinen Fachkollegen, man arbeitet zwar in den Gemeinden mit anderen Kolleginnen und Kollegen im kirchlichen Dienst zusammen, aber weitere Organisten, Kantorinnen und Chorleitende sind darunter nur wenige. 

„Es gibt 200 hauptamtliche und 800 neben- und ehrenamtliche Kollegen. Wir wollen stärker zusammenwachsen“, sagte Rauscher im Gespräch. „Deshalb haben wir begonnen, mit dem Rheinischen Kirchenmusiktag durch die Landeskirche zu touren, nachdem wir uns vorher immer in Bonn getroffen haben.“ 2023 war Neuwied an der Reihe, 2024 traf man sich in der Benediktinerabtei Brauweiler in Pulheim. Im nächsten Jahr geht es nach Wuppertal. In diesem Jahr tourten die Kirchenmusiker und Kirchenmusikerinnen in den Westzipfel nach Aachen.

Herausforderungen in Aachen

Hier traf Rauscher in der Vorbereitung auf eine Herausforderung, aus der sich wiederum eine ungeahnte ökumenische Zusammenarbeit ergeben hat: Die Gebäude der Evangelischen Kirchengemeinde Aachen sind weit über das Stadtgebiet verteilt. In der Innenstadt liegt nur die Annakirche, alle anderen Gebäude sind eher am Stadtrand zu finden. Die Annakirche wiederum bietet nicht genug Platz, um vier Workshops anzubieten, bei denen es entweder eine Orgel, ein Klavier oder viel Platz für Bläser braucht. „Es war uns aber wirklich wichtig, dass wir in der Mittagspause und zum Reisesegen zusammenkommen können“, so Rauscher. „Also mussten die Workshop-Orte fußläufig erreichbar sein.“

Zu Hilfe eilte schließlich Michael Hoppe, Domorganist am Aachener Dom und Kirchenmusikreferent im Bistum Aachen. Er sorgte dafür, dass drei der vier Workshops in katholischen Innenstadt-Kirchen – Taufkapelle im Aachener Dom, St. Jakob und St. Marien – stattfinden konnten. Der vierte, Orgelimprovisation mit Wolfgang Abendroth, fand auf der Orgelempore der Annakirche an der von vielen Organisten hoch geschätzten Weimbs-Orgel statt. Auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erfreuten sich an dem 2016 aufwändig gereinigten und modernisierten Instrument. Nicht nur die Entdeckung der Vogelpfeife sorgte für allgemeine Freude.

Workshops laden zum Ausprobieren ein

„Kollegen treffen, der Austausch mit den anderen, der Input auf kollegiale Art – da bekommt man wieder Lust, Dinge auszuprobieren. Es entsteht wieder das Gefühl, dass es schön ist, was man kann“, erklärte Barbara Dünne, Kantorin an St. Augustin in Bonn-Bad Godesberg, warum sie den strahlenden Sommertag gern in Aachen verbracht hat. Das gilt auch für solche, die ihre C-Kirchenmusikerausbildung gerade erst abgelegt haben. Paul Hendricks aus Düsseldorf freute sich über „die Anfängerfreundlichkeit des Orgelimprovisationsworkshops und viele Hinweise fürs Üben“. Jakob Lötfering aus Aachen (Potrait über ihn finden Sie hier) nutzte ebenfalls die Gelegenheit, sich viel Input von den versierten Kollegen und Kolleginnen zu holen. „In der C-Musiker-Ausbildung geht es ja noch nicht so viel um Improvisation. Hier konnte man viel testen“, freute er sich, auch oft selbst die Tasten drücken zu können.

Ergebnisse konnten sich sehen lassen

Die Ergebnisse der Workshops konnten sich in der Tat sehen lassen – wie beim abschließenden Reisesegen in der Annakirche, geleitet von Pfarrer Rolf Schopen aus Kornelimünster-Zweifall in Vertretung der erkrankten Superintendentin Verena Jantzen, hörbar wurde. Und vielleicht ist Rauschers Versprecher nur eine versteckte Ankündigung für eine viel größere Frucht, deren Samen möglicherweise in Aachen gelegt wurde. „Es war die erste ökumenische Zusammenarbeit bei einem Rheinischen Kirchenmusiktag. Die war aus der Not geboren, aber für die Zukunft ist sie auf jeden Fall sinnvoll und gegeben“, sagte Rauscher. Und vielleicht erwächst aus diesem ersten ökumenischen Schritt tatsächlich ein ökumenischen Kirchmusikfest im Rheinland. 

(Text: Rauke Xenia Bornefeld)

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