Betritt man derzeit die Friedenskirche in Baesweiler, geht der Blick unweigerlich Richtung Decke. Ein Netz aus abertausenden getrockneten Blüten, Blättern, Gräsern und Federn spannt sich als Blütenhimmel von der Orgelempore zum Altarraum. Die Installation ist ein freies Kunstprojekt der Künstlerin Sandra Ganser, für das sie in der Friedenskirche einen dazu passenden Ort und in der Gemeinde einen Partner für Raum und Infrastruktur gefunden hat. Wie ein Dreieck oder der Bug eines Schiffes (so die Assoziation einer Besucherin) strebt der Blütenhimmel nach oben und scheint, verbunden nur mit fast unsichtbaren Drähten, zu schweben. Ein leichter Luftzug erzeugt sanfte Wellen im Blumenmeer. Fast augenblicklich stellt sich ein Gefühl von Ruhe ein.
Eröffnung der Kunstinstallation "Natürlich.Verbunden"
Einladung zum Perspektivwechsel
Eingeweiht worden ist das Kunstprojekt „Natürlich verbunden“ der Künstlerin Sandra Ganser im Gottesdienst an Christi Himmelfahrt. Ein besonderes Datum für die evangelische Kirchengemeinde Baesweiler-Setterich-Siersdorf, die an diesem Tag traditionell ihr Gemeindefest feiert. „Ich frage im Vorfeld immer, ob es besondere Tage gibt, die ich berücksichtigen kann. Christi Himmelfahrt und Frühling, etwas wächst gen Himmel. Das war perfekt“, sagt die Künstlerin lächelnd. Auch für die Gemeindeverantwortlichen um Pfarrer Jochen Gürtler war das stimmig. Der konnte sich zwar bis zum Hängen des Kunstwerks noch nicht so richtig vorstellen, wie das werden sollte, war aber dann begeistert vom Ergebnis. So, wie die Gottesdienstbesucher, die er zu Beginn aufgefordert hatte, von ihren Plätzen aufzustehen, um das Kunstwerk aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und auf sich wirken zu lassen. Was sich lohnt, denn von den verschiedenen Standorten – Eingang, Mittelgang, von der Seite oder dem Altarraum – wirken die Blüten immer wieder anders.
Nur tote Biomasse?
„Mein erster Gedanke: Reben in einem Weinberg in Flachlage“, beschreibt ein Besucher. „Tote Biomasse unter der Decke in der Kirche?“, schildert ein Mitglied des Presbyteriums seine Bedenken bewusst überspitzt, denn das Ergebnis habe ihn komplett überzeugt, für ihn wirken die Blumen, obwohl getrocknet, sehr lebendig. Etwas, was eine andere Besucherin bekräftigt. Für sie seien gerade die getrockneten Blumen mit ihren Samen voller Leben. „Ich liebe Trockenblumen! Und für mich hat das die Form eines Schiffs und von der Empore ist es, als ob man damit in den Himmel fahre“, lautete eine weitere Rückmeldung.
Verbindung auf vielen Ebenen
In seiner Predigt rückte Jochen Gürtler den Titel „Natürlich.Verbunden“ stärker in den Fokus: die Verbindung des Menschen zur Erde, aus der er entstanden ist und zu der er wieder zurückkehrt, sowie die Verbundenheit, die der Mensch mit und in der Natur verspürt. Verbunden hat das Kunstprojekt aber auch Menschen, denn es ist ein Gemeinschaftswerk, an dem verschiedenen Gruppen aus der Gemeinde, aber auch des Rheinischen Vereins für katholische Arbeiterkolonien sowie Einzelpersonen mitgewirkt haben. „Der Mensch ist dazu da, etwas zu schaffen“, sagt Jochen Gürtler. Das gemeinsam mit anderen zu tun, schafft Verbindung.
Aktionswoche stieß auf großen Zuspruch
Etwas, das Künstlerin Sandra Ganser sehr wichtig ist, Menschen einzubinden und mit ihnen etwas zu schaffen. So hat sie im Vorfeld dazu eingeladen, sich im Rahmen einer Aktionswoche zu beteiligen – und war überwältigt vom Zuspruch. „Ich habe am Ende sogar Leute abweisen müssen, weil wir im Gemeindehaus gar nicht den Platz hatten“, erzählt sie. Es habe große Freude bereitet, zu sehen, wie beim Verdrahten der weit über 15.000 einzelnen Elemente Menschen zusammengekommen seien, die sich sonst vermutlich nie kennengelernt hätten. So sei es beispielsweise für einige ältere Damen eine schöne Erfahrung gewesen, zu sehen, dass sie doch noch etwas mit ihren Händen gestalten können. Oder die Begeisterung der Menschen aus den Projekten des Rheinischen Vereins zu erleben, die mit Freude mitgewirkt haben. „Es haben Menschen aller Altersgruppen mitgeholfen, kirchenverbundene oder der Kirche sonst eher ferne.“ Das sei eine tolle Erfahrung gewesen.
Der Rheinische Verein, der mit seinem Beschäftigungs- und Qualifizierungsbetrieb Spectrum auch in Baesweiler vertreten ist, war von Anfang an bei dem Projekt mit im Boot. Darüber ist auch der Kontakt zur Friedenskirche und zur evangelischen Gemeinde entstanden. „Es muss klar sein, wer mitmacht, und der Raum muss passen“, umreißt Sandra Ganser den Rahmen. Das hätte hier alles gestimmt, weshalb sie es gewagt habe. „Die Friedenskirche ist ja doch recht groß“, gesteht sie lächelnd.
Bedenken, die sich im Tun zerstreut haben, auch die, nicht genug Material zu haben. Sie selbst sammele das ganze Jahr über und verwende auch Blumen aus anderen ihrer Projekte, die sich so wieder verbinden. Zu diesem Grundstock kam alles, was die Menschen aus den Projekten des Rheinischen Vereins seit vergangenem Oktober gesammelt haben und dem, was Menschen ihr gespendet haben. Das reichte von „Wäschekörben voller Flieder“ über weitere Frühlingsblumen, Blumen aus Brautgestecken bis zu getrockneten Blumen, die Menschen aus ganz Deutschland ihr geschickt haben. In mehreren hundert Arbeitsstunden ist daraus das Naturkunstwerk entstanden, das die Friedenskirche noch bis Juli zum lebendigen Erfahrungsraum werden lässt.
Interessierte sind eingeladen, diesen während der Öffnungszeiten der Kirche (bis zum 19. Juli täglich von 9 bis 16 Uhr) in Stille auf sich wirken zu lassen oder bei einer der Veranstaltungen unter dem Blütenhimmel vorbeizuschauen. Geplant sind offene Proben des Kirchenchores „Laetitia Cantandi“, Meditativer Tanz unter 1000 Blüten, ein „Evensong“ (musikalisches Abendgebet), Klangmeditationen und besonders gestaltete Gottesdienste. Alle Termine sind im Kalender der Gemeinde zu finden.
Eindrucksvolle bewegte Bilder der Installation kann man in der Aufzeichnung des Eröffnungsgottesdienstes auf Youtube sehen: https://www.youtube.com/watch?v=dad9ORhJjR4&t=1870s
Text: Andrea Thomas







