Flutgedenken auf dem Weg des Wassers

Drei Veranstaltungen auf dem Gebiet der Trinitatisgemeinde - Menschen leben mit einem Davor und Danach

Die Zeit davor und die Zeit danach. Immer wieder kamen die Redner bei den Gedenkveranstaltungen anlässlich des Jahrestages der Flutkatastrophe auf dieses Bild, wenn sie über die eine Nacht sprachen, die das Leben der Menschen in der Eifel so einschneidend veränderte. Fünf Jahre ist es her, dass ungeheure Wassermassen sich über die Nordeifel ergossen und kleine Bäche zu reißenden Flüssen und Flüsse zu Strömen werden ließen und in wenigen Stunden eine Zeitenwende einläuteten. 

In drei verschiedene Stationen hatten die Organisatoren Ingo Pfennings, Bürgermeister von Schleiden, Martin Berners, Bürgermeister von Hellenthal, der katholische Pastor Thomas Schlütter und sein evangelischer Amtsbruder Pfarrer Oliver Joswig das Flutgedenken im Schleidener Tal unterteilt: Von Blumenthal ging es nach Schleiden, um in Gemünd die Abschlusskundgebung zu veranstalten. Ein konsequentes Konzept, denn damit folgten sie dem Weg des Wassers, das aus den Höhengebieten von Hellenthal bis in den Urftsee floss und dabei nicht an kommunalen Grenzen Halt machte. Und so erzählen die drei Stationen auch die Geschichte des 14. Juli 2021. 

Blumenthal

Hellenthals Bürgermeister Martin Berners erinnerte an die Vorgeschichte. Seit Tagen habe es immer wieder geregnet, so dass die Böden längst gesättigt gewesen seien. Der Wetterdienst habe vor außergewöhnlichen Regenmengen gewarnt, doch keiner habe sich vorstellen können, dass aus einem verregneten Sommertag eine Naturkatastrophe historischen Ausmaßes werden würde. 

So sei der Bauhof noch zu Tagesbeginn unterwegs gewesen, um Durchlässe und Bachläufe zu kontrollieren. Erste Einsätze in Hecken und Winten für die Feuerwehr seien wegen überfluteter Keller eingegangen. „Noch glaubte man, einen außergewöhnlichen Starkregen zu bewältigen, doch innerhalb kürzester Zeit änderte sich alles“, so Berners. Durch immer mehr Notrufe sei die Verbindung zur Leistelle des Kreises zusammengebrochen. Von da an sei die Feuerwehr auf sich allein gestellt gewesen. „In diesen Stunden haben unsere Einsatzkräfte Entscheidungen unter Bedingungen getroffen, die sich kaum jemand vorstellen kann“, sagte er. 

Während über die Olef das Hochwasser des Platißbaches nach Blumenthal floss, kam von den Höhen das Wasser des Reifferscheider Baches. Gastanks, Bäume und Autos versperrten die Durchflüsse, so dass sich große Mengen Wasser aufstauten. „Straßen wurden zu Flüssen, Brücken wurden zerstört, Mauern stürzten ein, Wohnhäuser liefen innerhalb kürzester Zeit voll“, erinnerte er. Und niemand hätte gewusst, wie hoch das Wasser noch steigen würde. Zwei Menschenleben hat die Katastrophe in der Gemeinde Hellenthal gekostet. 

Vieles wurde zerstört, aber nicht der Zusammenhalt

Doch es solle nicht nur an die Zerstörung erinnert werden, sondern auch an den Zusammenhalt, betonte Berners. Nachbarn seien zu Helfern geworden, Menschen hätten ihre Häuser geöffnet und geteilt, was sie gehabt hätten. „Die Flut hat viel zerstört, aber nicht den Zusammenhalt der Menschen“, so Berners. 
Pastor Thomas Schlütter und Dorothea Gehlen gestalteten die Andacht, die auf dem Hof der Katholischen Kirche gehalten wurde. Fünf Jahre sei die Flutnacht her, doch für manche fühle es sich wie gestern an. „Die Bilder sind im Kopf, die Narben im Herzen geblieben“, sagte er. Eine Frage lasse sich nicht wegbeten: Wo sei Gott in der Nacht gewesen? „Wenn der Schmerz zu groß ist, ist oft kein Raum für leise Worte“, so der Priester. Doch auch das Hadern sei ein Gebet, das ehrlichste, das in der Dunkelheit gesprochen werden könne. Stärker als das Wasser sei aber die Hilfsbereitschaft gewesen. Aus den Trümmern sei etwas gewachsen, eine Hoffnung für die Zukunft. 

Um den Menschen die Gelegenheit zu geben, ihre Gedanken und Worte festzuhalten, lag eine dunkle Lkw-Plane bereit, auf die mit weißen Stiften geschrieben werden sollte. Viele nahmen die Gelegenheit wahr, um ihre Dankbarkeit zu äußern. Auch auf den folgenden Stationen konnten die Menschen sich auf der Plane verewigen. Ihren endgültigen Platz soll sie in der Katholischen Kirche St. Nikolaus in Gemünd bekommen. 

Schleiden

Zu einem ökumenischen Gottesdienst in der Evangelischen Kirche in Schleiden, die erst seit Ostern 2026 wieder genutzt werden kann, hatten die Organisatoren in Schleiden geladen. 

Gemeinsam mit Joswig und Schlütter feierten die Superintendentin des Kirchenkreises Aachen, Verena Jantzen, und Antje Menn, Vizepräses der Evangelischen Kirche im Rheinland den Gottesdienst; letztere hielt auch die Predigt. „Verena Jantzen hat mich gefragt, ob ich kommen würde, und ich habe sofort zugesagt“, sagte Menn. Schleiden und Gemünd seien ihr aus ihren Jahren als Vikarin in Aachen bekannt. Welches Ausmaß die Flut gehabt habe, habe sie in Solingen-Unterburg erlebt, wo die Evangelische Kirche schwer beschädigt worden sei. 

 

Flut bleibt immer im Kopf

„Fassungslosigkeit“ sei das Gefühl gewesen, als sie bei einer Auslandsreise die Bilder aus der Eifel gesehen habe, sagte Jantzen, die bei allen drei Stationen im Schleidener Tal mit dabei war. Immer wieder würde in Gesprächen bei vielen Menschen die Erinnerung an die Flutnacht deutlich werden.

So auch bei zwei Frauen aus Sistig. „Bedrückt“ seien sie an diesem Tag, sagten sie spontan, bevor sie die Kirche betraten. „Das geht nicht aus dem Kopf“, fügte die eine hinzu. Sie habe nach der Flut obdachlos gewordene Menschen aus Gemünd aufgenommen und mit den Opfern gelebt. Die Hilfsbereitschaft damals sei enorm gewesen. Sie selbst habe ein Begegnungscafé aufgemacht und Kleidung gesammelt. „Wahnsinn, was da aus dem Nichts entstanden ist“, sagte sie.

 

Presbyterin Gaby Leufgen erinnerte daran, wie sie mit anderen versucht hatte, in der Flutnacht in der Schleidener Kirche zu retten, was zu retten war. 

An diesem Jahrestag seien die Erinnerungen an das schnell steigende Wasser, die Nacht ohne Strom, den Anblick der Verwüstung und den beißenden Geruch des Schlamms wieder da, so Menn in ihrer Predigt. Solche Momente hätten sich eingebrannt in die Seele so vieler Menschen. Sie schlug den Bogen zu der biblischen Geschichte des Propheten Elia aus dem Ersten Buch der Könige, der erschöpft zusammengebrochen sei, als ein Engel ihn geweckt habe: „Steh auf und iss, denn der Weg ist noch weit“, habe der gesagt. „Elia steht für Menschen, die nicht mehr können, die müde und leergelaufen sind“, sagte sie. Doch da habe es die große Welle der Hilfsbereitschaft gegeben, Menschen, die für andere zum Licht geworden seien. 

Gemünd

Nach den beiden eher religiös geprägten Station ging es in auf dem Plan in Gemünd weltlicher zu. Schleidens Bürgermeister Ingo Pfennings begrüßte die Teilnehmer der Gedenkveranstaltung, bevor ein fünfminütiges Glockengeläut den Menschen Raum für ihre Gedanken gab. Als ein besonderes Symbol hatten sich die Organisatoren ausgedacht, am Zusammenfluss von Urft und Olef, wo sich die zerstörerische Kraft der Flüsse vereint hatte, Schwimmkerzen auf das Wasser zu setzen, die in Richtung Urfttalsperre schwimmen sollten. 

Längere Fristen für den Wiederaufbau angemahnt

An die dramatischen und oft verzweifelten Momente in der Flutnacht, aber auch den Kampf der Einsatzkräfte erinnerte Pfennings in seiner Ansprache. Er dankte den vielen Spendern und Helfern, die nach der Flut Hilfe geleistet hätten. Er erinnerte auch daran, wie die Bewohner der Höhendörfer innerhalb weniger Stunden Notunterkünfte eingerichtet hatten. „Es hieß damals nicht mehr Gemünd gegen Schleiden, Höhe gegen Tal und am Ende alle gegen Drommer“, sagte er. Es habe geheißen, alle gegen die Flut. 

Pfennings und Berners schilderten auch, wie weit der Wiederaufbau in den zerstörten Kommunen durch die Hilfe des Landes und des Bundes gekommen sei, aber auch, wie viele Probleme es immer noch gebe. So sei eine Verlängerung der Fristen dringend nötig, was er bei der Gedenkveranstaltung im Landtag auch dem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier nahegelegt habe, betonte Pfennings. 

Landrat Markus Ramers berichtete, dass Gemünd der erste Ort gewesen sei, den er am 15. Juli 2021 gesehen habe. „Für mich sah das aus wie ein Kriegsgebiet“, sagte er. Der Tag sei für viele Menschen eine Zäsur gewesen. Er dankte den unzähligen Helfern aus ganz Deutschland und Europa. Er wünsche sich, dass neben der Trauer und dem Gedenken niemals vergessen werde, welche Kraft dieses Miteinander habe. 

Text: Stephan Everling

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