Gottesdienst aus der Zukunft

Gut besuchter Karnevalsgottesdienst in Baesweiler - Was an Kirche wirklich wichtig ist - Und auch in der Zukunft nicht fehlen darf

Eine Kristallkugel, die einem verrät, wie die Zukunft aussehen könnte? Die hätte wohl jeder ab und zu mal gerne. Schon aus Neugierde. Die evangelische Kirchengemeinde Baesweiler-Setterich-Siersdorf hatte sich für ihren diesjährigen Karnevalsgottesdienst eine ausgeliehen und nahm die Gottesdienstbesucher mit ins Jahr 2065. 

Ohne Buzzer geht in der Zukunft nichts

Der Gottesdienst sieht dann etwas anders aus als heute. Beim Betreten der Friedenskirche begrüßt einen ein Avatar des Pfarrers. Möchte man mit Handschlag begrüßt werden, drückt man einen Buzzer. Gleiches gilt, wenn man wissen möchte, wohin die Kollekte geht. Liedzettel gibt es nicht mehr. Wer den Text mitlesen will (mitsingen ist nicht, kommt alles vom Band), der scannt den entsprechenden QR-Code. Der Pfarrer sitzt zuhause und ist nur noch per Live-Stream zugeschaltet, je nach Ausstattung der Kirche per Beamer oder über virtuelle Brillen. Das Abendmahl kommt aus zwei Automaten, einem für Brot und einem für Wein. Wobei die Gemeinde im Prinzip auch nicht anwesend sein müsste, sondern alles auch aus dem heimischen Wohnzimmer mitverfolgen könnte…

Nicht so Oma Gertrud, die gemeinsam mit Schwiegertochter Silke und Enkelin Joyce den Gottesdienst heute „in echt“ besucht. Was vor allem Teenie Joyce, die in der digitalen Welt mehr zuhause ist als in der realen, alles ziemlich „strange“ findet.

Begrüßungsavatar, Kollekten-Button

Begrüßungsavatar, Kollekten-Button...

Automaten für Brot und Wein beim Abendmahl

... und Automaten für Brot und Wein beim Abendmahl.

Selber singen? Wie altmodisch!

Doch es kommt noch „stranger“: Mit einem Knall gibt die Technik ihren Geist auf! Was nun? Außer Oma Gertrud ist niemand mehr so richtig vertraut mit einem Gottesdienst in analog. Schon gar nicht der Herr Pfarrer, der desorientiert und etwas derangiert (obenrum in schwarz mit Beffchen, untenrum in Shorts – im Stream sieht man ja nur seine obere Hälfte) in die Kirche stürzt. Silke, die sich selbst für ein geborenes Organisations- und Motivationstalent hält, versucht ihn zu beruhigen und schickt ihn erst mal, sich eine Hose anzuziehen. Inzwischen versuchen die drei Damen die Musik wieder zum Laufen zu bekommen. Joyce ist für ChatGPT, Oma Gertrud für die Orgel (die nicht nur der Pfarrer für Deko hält). Sie schickt den in der Kirche sitzenden Organisten Markus Lind auf die Empore. Fehlt noch der Gesang. Den habe früher die Gemeinde beigesteuert, wie Gertrud berichtet, was ihre Enkelin „voll cringe“ findet. Das seien doch normale Leute und keine Sängerinnen und Sänger. Auch beim Versuch, die Technik zu reparieren, prallen die Generationen aufeinander. Joyce schließt am Computer Fenster, ihre Oma die in der Kirche. 

Glaubensbekenntnis als Flashmop

Schwieriger als die Musik, ist es, den inzwischen zurückgekehrten Pfarrer auf analogen Gottesdienst umzustellen. Der hat eine Soziophobie und ein Problem, wenn die Gemeinde ihn anstarrt. Seine Predigt schreibt sonst ChatGPT und für Bibelzitate gibt es schließlich die Suchmaschine. Außerdem streamten sie den Gottesdienst bereits seit 2020 für diejenigen, die nicht mehr in die Kirche gehen könnten, weil sie zu alt oder krank seien: „Kirche muss mit der Zeit gehen.“ Das sei auch gut gewesen, „aber dann ging es so schnell weiter, dass viele nicht mitgekommen sind“, merkt Gertrud an. Vielleicht müssten sich Alt und Jung da etwas mehr austauschen, zum Beispiel per „Oma- und Opa-Cloud“ mit der Enkelgeneration. Mit ein bisschen Austausch und Unterstützung klappt dann auch das gemeinsame Singen und das Beten des Glaubensbekenntnisses (Joyce: „Krass, ein geredeter Flashmop!“). 

Eingespieltes Ensemble

Als Joyce nach weiteren Dingen fragt, die zu so einem Gottesdienst wie früher dazugehören, erklären ihr die Älteren, sie seien schon mittendrin: „Wir haben gemeinsam gesungen, gebetet, gemeinsam unseren Glauben bekannt und über Gott und die Menschen geredet“, zählt der Pfarrer auf. „Eigentlich tatsächlich much more better als gestreamt“, findet auch Teenie Joyce Gefallen an „old school“. 

Der Ansicht ist auch die Gemeinde, die zum Karnevalsgottesdienst erschienen ist, und sich für den Blick in die Zukunft mit viel Applaus bedankt. Den hatte das inzwischen schon eingespielte Team bestehend aus Pfarrer Jochen Gürtler (als Pfarrer), Claudia Däsler (Oma Gertrud), Heidi Zick (Silke) und Simone Wehr (Teenie Joyce) im Kirchenraum lebendig werden lassen. Diesmal unterstützt von Küster Carsten Schwager und Organist Markus Lind, die sich selbst spielten. 

Kirche muss nah an den Menschen sein - auch in Zukunft

Die Idee zum diesjährigen Stück, das wie schon in den vergangenen Jahren Claudia Däsler geschrieben hatte, kam von Jochen Gürtler. Es sei witzig gewesen, einmal weiterzuspinnen, was technisch alles möglich sein könnte, aber ihm ist der Gottesdienst 2026 dann doch lieber. „Gottesdienst lebt von der Gemeinschaft.“ Ohne die gehe vieles verloren, so hilfreich die Technik mitunter auch sein kann. Das ließ sich auch an diesem Nachmittag gut erleben, wenn auch der Karnevalsgottesdienst ein ganz spezieller ist: Theaterstück statt Predigt, mehr Karnevals- als Kirchenlieder, aber auch gemeinsames Glaubensbekenntnis, Gebet und Fürbitten. Kirche muss mit der Zeit gehen, aber vor allem nah an den Menschen sein.

Text: Andrea Thomas

Was ist erhaltenswert, was darf sich ändern? Im Karnevalsgottesdienst gab es verschiedene Erkenntnisse.

Was ist erhaltenswert, was darf sich ändern? Der Karnevalsgottesdienst gab einige humorvolle Antworten.

Teenie-Tochter Joyce (Simone Wehr) und Mutter Silke (Heidi Zick) haben es auch nicht immer leicht miteinander.

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Es ist Karnevalsgottesdienst, da darf die Tanzeinlage bzw. der Flashmob nicht fehlen.

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