Freitag, 15 Uhr, in Aachen-Forst. Galina Schneider hat den Passantenstopper mit dem Hinweis „Stadtteiltreff ‚Mittendrin‘“ gerade erst auf den Vorplatz der Emmauskirche gestellt. Sie leitet das niedrigschwellige Angebot für alle Menschen in Forst. Obwohl sie die Türen gerade erst aufgeschlossen hat, ist vor und in der evangelischen Kirche schon einiges los: Ein paar junge Mütter haben sich an einen Tisch in die Sonne gesetzt, während ihre Kinder im Kita-Alter ein Wurfspiel testen und ungeduldig auf den Aufbau des Schminktischs warten. Sie möchten Katze, Löwe oder Schmetterling werden. Innen hat sich auch schon eine Runde bei Kaffee und Kuchen gefunden. An einem kleineren Tisch wird eine Runde Rummikub aufgemacht. Seit knapp einem Jahr ist das jeden Freitag so – bei gutem Wetter draußen und drinnen, bei Nässe oder Kälte geht es hinein. Dieses Mal ist Familientag – da gibt es für die Kleinen spezielle Angebote.
„Kirche hat die Aufgabe, Gemeinschaft zu stiften“

(Foto: Rauke Bornefeld)
Marlies Lüttgens, Margrit Lotzkat und Lilly Alber (von links) treffen sich regelmäßig im Stadtteiltreff zum gemeinsamen Spielen. Sie haben sich dort kennengelernt.
Quartiersangebot steht allen Menschen offen
Lilly Alber, Margrit Lotzkat und Marlies Lüttgens haben die Plastikplättchen mit den Zahlen vor sich liegen. Sie treffen sich nahezu jeden Freitag beim Stadtteiltreff. Vorher kannten sie sich nicht. Alber ist evangelisches Gemeindeglied und Gottesdienstbesucherin. Sie hat darüber von dem Quartiersangebot erfahren. Über sieben Jahre Pflege ihres Mannes sind einige alte Kontakte verloren gegangen. „Seit mein Mann gestorben ist, suche ich neue, um der Einsamkeit zu entfliehen“, erzählt sie. Mittlerweile hat sie auch eine Gitarre in der Emmauskirche deponiert, damit sie die Begleitung anstimmen kann, wenn Besucher singen wollen. Lüttgens ist durch die Sittarder Straße spaziert und hat viele Leute vor der Kirche gesehen. „Ich bin katholisch, deshalb habe ich mich erst nicht reingetraut.“ Jetzt genießt sie regelmäßig die Zerstreuung. Lotzkat ist erst vor sechs Monaten mit ihrem Mann aus Wolfsburg hergezogen und „ist aktiv auf der Suche nach neuen Kontakten“. In der Emmauskirche trifft sie immer jemanden und hat auch schon einige gute Tipps für die neue Stadt bekommen.

(Foto: Rauke Bornefeld)
Besucherin Ruth Steinhoff (links) lebt mit ihrer Familie in Forst. Sie wertet den Stadtteiltreff als Zeichen, dass sich etwas im Viertel zum Besseren ändert. Für Pfarrerin Dr. Monica Schreiber ist die Quartiersarbeit eine Kernaufgabe von Kirche.
Treffpunkt wirkt Einsamkeit entgegen
Bei den drei Frauen im Seniorenalter hat genau das funktioniert, was der Stadtteiltreff erreichen möchte: mit einem niedrigschwelligen Treffpunkt in Forst der Einsamkeit entgegenwirken und neue Kontakte für alle Generationen ermöglichen. „In Forst fehlt ein Ort der Begegnung“, erklärt Pfarrerin Dr. Monica Schreiber. Und das ist nicht nur ein subjektiver Eindruck. In einer Befragung, initiiert von der Quartiersmanagerin, die die Gemeinde über Fördermittel der ARD-Fernsehlotterie angestellt hatte, gaben vor ein paar Jahren viele Menschen in Forst und Driescher Hof an, dass ihnen ein sozialer Treffpunkt, im besten Fall ohne Konsumzwang, fehle. Einzig in einem Supermarkt am oberen Ende der Trierer Straße findet sich ein Café. Der jetzige Supermarkt-Betreiber wird den Markt aber voraussichtlich Ende September schließen, eine Nachfolge steht noch nicht fest.
Kooperation mit der Stadt Aachen und der katholischen Gemeinde
Die Emmauskirche hat ihre Konsequenz aus alle dem gezogen: „Wir haben die Räume und wir möchten die Kirche für die Menschen im Stadtteil öffnen“, erklärt Schreiber. In Kooperation mit der Stadt Aachen und der katholischen Gemeinde St. Katharina Forst, finanziert durch die Stiftung „Kirche und Diakonie“, wurde Galina Schneider als Leiterin des Stadtteiltreffs engagiert. Seit Juni 2025 hat der Treff regelmäßig geöffnet. Die Stadt übernimmt Sachkosten, zum Beispiel für den kostenlosen Kaffee und Kuchen an den Nachmittagen und für Bastelmaterial.
Nikolausbesuch und Ostereiersuche waren sehr beliebt
Programm gibt es selten. „Die Geselligkeit steht im Vordergrund“, so Schreiber. Auch wenn Aktionen wie der Nikolausbesuch oder die Ostereiersuche besonders gut ankommen. „Zum Nikolaus kamen bestimmt an die 200 Menschen – wir mussten mehrmals Süßigkeiten nachkaufen“, erinnert sich die Pfarrerin. Ostereier suchen wollten um die 80 Menschen. Ob die Besucher den christlichen Hintergrund solcher Aktionen kennen oder verstehen, ist an solchen Tagen kein Thema. Es geht ausdrücklich nicht darum, Gäste zu missionieren.
Nicht- oder Anders-Glaubende sind ebenso selbstverständlich mit dem Stadtteiltreff angesprochen wie Gemeindeglieder oder die katholischen Glaubensgeschwister. Trotzdem sieht Schreiber im Stadtteiltreff eine Kernaufgabe von Kirche: „Kirche hat die Aufgabe, Gemeinschaft zu stiften. Diese Art des Austauschs können nur wenige andere Institutionen ermöglichen.“

(Foto: Rauke Bornefeld)
Jugendreferentin Britta Goerke bietet an den Familientagen Basteln für die Kinder an. Hier entsteht ein Schleuderball.
"Hier entsteht langsam etwas Tolles"
An den Familientagen steht Jugendreferentin Britta Goerke in der Werkstatt im Jugendtrakt und bietet kleine Aktionen an. An diesem Tag basteln einige Kinder aus Reistütchen, Stoff und Kreppband einen Schleuderball. Der siebenjährige Josua kommt mit seinem Exemplar zu seiner Mutter, Ruth Steinhoff, zurück und verdrückt schnell ein Stück Kuchen, bevor er sich wieder auf den Weg macht. Die beiden kommen regelmäßig zum Stadtteiltreff. „Wenn ich Josua von der Schule abgeholt habe, ist das für uns beide eine schöne Möglichkeit runterzukommen“, erklärt die Forsterin, die sich bei der SPD engagiert. Einige neue Kontakte haben sich für sie schon ergeben. Allerdings fände sie es gut, wenn es nicht nur freitags und nicht nur in kirchlichen Räumen einen Ort zum Zusammenkommen gäbe, um noch mehr Bewohnerinnen und Bewohner anzusprechen.
Nach dem Sozialbericht der Stadt Aachen leben am Driescher Hof besonders viele Kinder und Jugendliche sowie Menschen im Seniorenalter. Die Kaufkraft ist niedrig, die Wahlbeteiligung ebenfalls. Der Wunsch oder die Möglichkeit wegzuziehen, ist gering ausgeprägt. „Der Stadtteiltreff ist ein Zeichen, dass sich etwas im Viertel bewegt, dass hier langsam etwas Tolles entsteht – für die Menschen, die hier leben“, glaubt Steinhoff.
(Text und Fotos: Rauke Xenia Bornefeld)

