Es ist die klassische Zeit für große Entwicklungen: das Pfingstfest. Das Pfingstwunder ist ein feststehender Begriff in der christlichen Kirche, und auch wenn damit eigentlich die Ankunft des Heiligen Geistes gemeint ist, so ist für die evangelische Gemeinde in Harperscheid ein Traum wahrgeworden. Denn nach mehr als sechs Jahren, in denen die Harperscheider ihre alte, liebe Dorfkirche im Dornröschenschlaf liegen sehen musste, konnten sie zum ersten Mal erleben, dass wieder Leben in das Gebäude zurückgekehrt ist.
Küche unter der Kanzel
Viel ist in baulicher Hinsicht noch nicht passiert, seit Jutta von Wahld und Klaus Hüllbrock aus Euskirchen im März angefangen haben, die Spuren des Stillstands aus den altehrwürdigen Mauern zu vertreiben. Doch ein frischer Anstrich und ein neuer Boden wirken Wunder. Und dass aus dem Gotteshaus nun ein Ort zum Wohnen und Leben wird, ist nicht zu übersehen. Denn unter der Kanzel haben die beiden eine Küche installiert, auf der Orgelempore haben die beiden sich ein Schlafzimmer eingerichtet, und neben der Eingangstür entsteht zur Zeit ein Badezimmer.
Viele strahlende Gesichter gab es zu sehen, als sich für die Harperscheider am Montag wieder die Türen ihrer geliebten Kirche öffneten. Denn der 5. Januar 2020 war für die Gläubigen aus dem Höhenort in der Stadt Schleiden ein schwerer Tag gewesen. Schließlich war es „ihre“ Kirche, die an jenem Sonntag entwidmet und geschlossen werden sollte.
Nur rund 160 Jahre als Kirche genutzt
Tatsächlich war Mitte des 19. Jahrhunderts die Evangelische Gemeinde in Harperscheid so groß geworden, dass der Wunsch aufkam, ein eigenes Gotteshaus zu bauen, in dem regelmäßig Gottesdienste gefeiert werden könnten. So initiierte der damalige Pfarrer des Mutterhauses in Schleiden, David Küllenberg, eine Spendenaktion im Rheinland, durch die genug Mittel zusammenkamen, um den Bau der Kirche zu realisieren. Auch die Harperscheider steuerten Geld und Material bei. 1859 begann unter viel Einsatz von Material und Arbeitszeit der Harperscheider der Bau der Kirche, der im Sommer 1861 vollendet wurde. Am 29. September wurde die Kirche festlich eingeweiht. Erster Täufling des neuen Gotteshauses sei die am 27. September 1861 geborene Pauline Hörnchen gewesen, so die Chronik.
Doch die Zeiten haben sich geändert. Längst sind die christlichen Kirchen noch so voll wie vor 150 Jahren. Dass die Zeiten der Volkskirche vorbei sind, ist eine Binsenweisheit, und auch die Kirchensteuereinnahmen sind nicht mehr so hoch wie einst. So mussten die Verantwortlichen der Trinitatis-Kirchengemeinde Schleidener Tal im Jahr 2018 die Entscheidung treffen, zwei Kirchengebäude aufzugeben: Schönblick in Heimbach und Harperscheid.
Während des Entwidmungsgottesdienstes 2020 wurden die Sakralgegenstände der Kirche nach Schleiden gebracht. Dort oder in der Kirche in Hellenthal, beides rund fünf Kilometer entfernt, sollten die Harperscheider ihre neue, religiöse Heimat finden. Nicht alle sind dem gefolgt, auch nachdem die Evangelische Kirche in Schleiden durch die Folgen der Flutkatastrophe 2021 geschlossen werden musste. Für die Harperscheider und Schöneseiffener Protestanten war der Verlust „ihrer“ Kirche ein herber Einschnitt. Und umso größer war die Freude, dass an diesem Pfingstmontag ein Blick in die Kirche geworfen werden konnte.

Foto: Stephan Everling
Nach dem Pfingstgottesdienst, der unter freiem Himmel auf dem Evangelischen Friedhof in Harperscheid stattfand,...

Foto: Stephan Everling
...ging es zum anschließenden gemütlichen Beisammensein in die alte Dorfkirche, wo von Wahld und Hüllbrock bereits mit gut gefüllten Kaffeekannen warteten.
Schon lange Kaufabsichten gehegt
Den Wunsch, die Harperscheider Kirche zu erwerben, habe er schon lange gehabt, sagte Hüllbrock. Er ist Bauingenieur mit eigenem Büro, und eines Tages sei er auf die Kaufanzeige gestoßen und habe sich das Gebäude auch angesehen. Doch dann habe es immer wieder geheißen, die Kirche sei verkauft, was sich offensichtlich aber zerschlagen habe. „Wir sind hier einmal vorbeigefahren und haben gesehen, dass hier noch nichts passiert ist. Zu Hause habe ich dann gesehen, dass die Kirche wieder im Internet angeboten wird, und dann habe ich nicht mehr lange gefackelt“, berichtete Hüllbrock.
Auch seine persönliche Situation habe dazu geführt, dass er kurzentschlossen den Kauf getätigt habe. „Ich war sieben Monate wegen schwerer Depressionen in stationärer Behandlung“, sagte er. Deshalb sei für ihn ein Rückzugsort sehr wichtig, und genau das solle die Kirche in erster Linie für ihn sein, erzählte er.

Foto: Stephan Everling
Jutta von Wahld und Klaus Hüllbrock freuen sich mit der stellvertretenden Vorsitzenden des Gemeindepresbyteriums, Gaby Leufgen, über die gute Weiternutzung für die Kirche (von links).
Keine Temperaturprobleme
Dass eine barocke Saalkirche zu einem attraktiven Wohnraum werden kann, ist in Harperscheid zu sehen. Dort, wo früher die Kirchenbänke standen, unterteilen querstehende Regale den 13,65 Meter langen und 7,85 Meter breiten Bau. Die Empore über dem Eingang mit der denkmalgeschützten Orgel ist zum Schlafraum geworden, unter der Kanzel hat die Küche ihren Platz gefunden. Unter der Empore sind Wände eingezogen worden, wo das Badezimmer entstehen wird.
Nicht mehr zu sehen sind die alten Fliesen aus Grauwacke und die mit Marmor verkleidete Stufe zum Altar. Doch sie liegen denkmalgerecht und sicher verwahrt geschützt unter Matten und einer Schicht Sichtestrich. So habe er auch ein Fußbodenheizung installieren können, sagte Hüllbrock. Geheizt werden solle mit einer Wärmepumpe, die im Laufe des Sommers eingebaut werden würde. „Ich hatte im Winter Sorgen, dass es zu kalt werden könne, doch ich hatte ein Notheizung angeschlossen, die keine Probleme hatte, den Raum auf 20 Grad aufzuheizen“, sagte er.
Vor allem wohnen und leben wollten sie in Zukunft hier, kündigten von Wahld und Hüllbrock im Gespräch mit der stellvertretenden Vorsitzenden des Presbyteriums der Kirchengemeinde, Gaby Leufgen, an. Vielleicht würde es sich ergeben, dass auch andere Dinge in der Kirche stattfinden könnten, doch erst einmal solle der Bau richtig fertiggestellt werden, so Hüllbrock.
Text: Stephan Everling







