In einem ökumenischen Gottesdienst wurde in der vorigen Woche in Aachen in besonderer Weise all der Menschen gedacht, die auf der Suche nach einem sicheren Zufluchtsort den Tod gefunden haben. Etwa 40 Menschen waren der Einladung des Evangelischen Kirchenkreises, des Bistums Aachen und der Gemeinschaft Sant´Egidio in die Citykirche gefolgt. In Ihrer Begrüßung wies Pfarrerin Bettina Donath-Kreß darauf hin, dass der Dreiklang des Gottesdienstes von „Gedenken – Erinnern – Ermahnen“ einen Gegenpol zu der aufgeheizten Flüchtlingsdebatte in unserem eigenen Land und in Europa bilde, wo sich der Blick immer auf uns selbst richte. „Wir wollen heute die Perspektive wechseln und die Flüchtenden in den Mittelpunkt stellen“, sagte sie. Original-Fotos, die während der von Iryna Stoianova am Klavier intonierten Eingangsmusik in einer Prozession zum Altar gebracht wurden, führten das Schicksal von Geflüchteten im wahrsten Sinne des Wortes „vor Augen“.
Ökumenischer Gedenkgottesdienst erinnerte an das „Sterben an den Grenzen der Festung Europa“

(Bild: Bettina Donath-Kreß)
Kerstin Birke von der Gemeinschaft Sant' Egidio trug die Erlebnisse eines syrischen Geflüchteten vor.
Gefahren auf der Suche nach sicherem Zufluchtsort
Kerstin Birke von der Gemeinschaft Sant´Egidio lieh einem syrischen Geflüchteten ihre Stimme, der seine persönliche Fluchtgeschichte aufgeschrieben hat. Seine Erlebnisse ließen erahnen, was ein Mensch hinter sich hat, der vor Krieg und Gewalt in seiner Heimat geflüchtet ist und welchen Gefahren und Hindernissen er auf der Suche nach einem sicheren Zufluchtsort begegnet.

(Bild: Bettina Donath-Kreß)
Tetyana Lutsyk, Diözesanbeauftragte für Seelsorge mit Geflüchteten im Bistum Aachen, mahnte die Einhaltung von Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten in Europa an.
Vor zehn Jahren kamen erste Geflüchtete aus Syrien nach Aachen
Tetyana Lutsyk, Diözesanbeauftragte für Seelsorge mit Geflüchteten, erinnerte daran, dass vor genau zehn Jahren die ersten Geflüchteten aus Syrien nach Aachen kamen und fragte: Wo stehen wir heute – politisch und gesellschaftlich? Ihre Analyse mündete in der Mahnung, dass unsere humane Substanz auf dem Spiel steht, „wenn Menschen, die aus gefährdeten Krisengebieten kommen, sich hier bedroht und unsicher fühlen – hier in Europa, wo wir Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte uns als unsere Prinzipien auf die Fahne geschrieben haben.“
Pulsierendes Herz statt Angst
Superintendentin Verena Jantzen legte in ihrer Predigt das Wort des Propheten Ezechiel aus: „Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch“ ( Ez 36,24-28). Zu Veranschaulichung des Bildwortes gab sie einen großen Stein durch die Reihen, der alle spüren ließ, wie kalt, hart und schwer ein Stein ist. Oft sei es Angst, die ein Herz versteinern ließ, sagte die evangelische Geistliche. Dem versteinerten Herzen setzte sie das Doppelgebot der Liebe entgegen, in dem das Herz pulsiert: „»Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst.“ (Lk 10, 27)
Sorge vor wachsender Fremdenfeindlichkeit
Weihbischof Borsch trug die Sorge um die Menschen auf der Flucht, die wachsende Fremdenfeindlichkeit in Europa und die Verantwortung aller kirchlichen, gesellschaftlichen und politischen Kräfte in unserem eigenen Land in seinem Gebet vor Gott, ehe die ganze Gemeinde mit ihm in das Gebet der Vereinten Nationen einstimmte.
Anschließend lud Ursula Heck lud die Teilnehmenden ein, zum Gedenken an die Männer, Frauen und Kinder, die auf der Flucht nach Europa gestorben sind, eine Kerze anzuzünden und vor den Altar zu bringen. Die Lichterprozession bot einen besonderen Moment der Besinnung. Am Ende tauchte das Kerzenmeer die Bilder vor dem Altar in ein besonderes Licht und setzte ein Zeichen gegen Vergessen und Gleichgültigkeit. Mit dem Vater Unser und dem gemeinsamen Segen der beiden Geistlichen endete ein Gedenkgottesdienst, der tief berührte. Dazu trugen in besonderer Weise auch der ukrainische Chor „Paragraph 24“ und die Pianistin Iryna Stoianova, bei die die Stunde musikalisch gestalteten.
(Text: Bettina Donath-Kreß)









