„So viel Geld hatten wir noch nie“

(Foto: C. Braun)
Am Einschulungs-Gottesdienst in der evangelischen Annakirche in Aachen nehmen in jedem Jahr nicht nur die I-Dötzchen und ihre Familien teil, sondern alle Schülerinnen und Schüler der Annaschule.
Mit ihren neuen Schultaschen und bunt verzierten Schultüten sitzen Anfang September 46 Erstklässler und ihre Familien in der Annakirche. Manche aufgekratzt und voller Vorfreude, andere eher schüchtern und mit mulmigem Gefühl. Den Einschulungsgottesdienst gestalten die vierten Klassen gemeinsam für die I-Dötzchen, alle anderen Anna-Schülerinnen und -Schüler nehmen ebenfalls teil. „Heute beginnt für euch ein neuer Weg – der Weg zur Schule“, sagt Pfarrer Joachim Büssow. „Heute ist deshalb für uns ein Tag zum Freuen und zum Danken.“

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Die Annaschule an der Ecke Annastraße/Alexianergraben ist zusammen mit der Annakirche und dem "Haus der Evangelischen Kirche" ein Teil des "evangelischen Dreiecks" in der Aachener Innenstadt.
"Startchancen"-Programm soll Basiskompetenzen stärken
Sich freuen und danken können die Annaschüler aber nicht nur wegen des Schulbeginns, sondern auch über ein groß angelegtes Förderprogramm für Bildungs- und Chancengerechtigkeit, an dem ihre Schule seit einem Jahr teilnimmt. Mit dem „Startchancen“-Programm werden in Nordrhein-Westfalen 923 Schulen gefördert, davon besonders viele Grundschulen. Ziel ist vor allem die Stärkung der Basiskompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen sowie der sozialen und emotionalen Kompetenzen. Die Annaschule in der Aachener Innenstadt ist eine von 19 Schulen in Aachen, die in das Programm aufgenommen wurde. Sie ist eine städtische Grundschule, aber die einzige Grundschule in Aachen mit evangelischem Bekenntnis.

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Schulleiterin Elisabeth Tillessen freut sich darüber, dass die Annaschule eine "Startchancen"-Schule ist.
Zusätzliche Mittel sind große Rückenstärkung für Grundschulen
„Die Förderung ist auf zehn Jahre angelegt und damit nachhaltiger als viele frühere Förderprogramme“, sagt die langjährige Schulleiterin der Annaschule, Elisabeth Tillessen. „Und das Startchancen-Programm setzt viel früher im Bildungsweg der Kinder an. Das ist auch dringend nötig.“ Denn ein Fünftel bis ein Drittel aller Grundschulkinder erreichen Erhebungen zufolge, so sagt sie, nicht die Mindestanforderungen. Viele Kinder, die eingeschult werden, seien nicht ausreichend darauf vorbereitet, was in der Schule von ihnen verlangt wird. Das gilt nicht nur für ihr mathematisches Vorwissen (Zählerfahrungen, Mengenerfassung) oder die sprachlichen Kompetenzen. Auch die lebenspraktischen Dinge und die emotionale Reife, wie zum Beispiel Selbstständigkeit, Arbeitsorganisation, Anstrengungsbereitschaft oder die Frustrationstoleranz sind wichtige Faktoren. „Der Anspruch an die Grundschule, was sie in vier Jahren leisten soll, kann einfach nicht erfüllt werden. Selbstverständlich ist es unsere Aufgabe, die Kinder da abzuholen wo sie stehen. Das sind wir ihnen als Pädagog*innen schuldig. Aber wir brauchen zusätzliche Ressourcen, um hier wirksam ansetzen zu können“, ist Schulleiterin Tillessen überzeugt. „Deshalb helfen uns die zusätzlichen Mittel jetzt enorm und sind für uns eine Rückenstärkung.“

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Die Erstklässlerinnen und Erstklässler der Annaschule...

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... erhalten durch die Förderung an der Annaschule eine zusätzliche sozialpädagogische Fachkraft.
Förderprogramm gliedert sich in drei Säulen
Konkret zeigt die seit einem Jahr angelaufene Förderung sich an der Annaschule unter anderem schon daran, dass eine zusätzliche sozialpädagogische Fachkraft mit einer halben Stelle eingestellt werden konnte. Damit ist in den beiden ersten Klassen jetzt je eine dieser Fachkräfte vorhanden. Das zusätzliche Personal wird über eine von drei Säulen des Startchancen-Programms finanziert. Das Programm fördert drei Bereiche: zusätzliches Personal, pädagogische Angebote und Materialien sowie Investitionen in eine „lernförderliche Ausstattung und Infrastruktur“ der Schule.

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Das historische Gebäude gibt der Annaschule ein ganz besonderes Flair, bringt aber auch Herausforderungen mit sich.
Annaschule wünscht sich Raumteiler und Lerninseln
Doch, so hat Elisabeth Tillessen seit Beginn des Programms vor einem Jahr schon erlebt: „Die Tücke steckt im Detail und die Bürokratie ist groß.“ Ihr Schulgebäude wurde im Jahr 1913 erbaut. Für die heutigen Anforderungen an moderne Klassenräume ist der Grundriss nicht ausgelegt. Deshalb wünscht die Schule sich zum Beispiel flexible Möbel wie Raumtrenner und Lern-Inseln, mit denen sich die Klassenräume unterschiedlich nutzen lassen. Doch solche Möbel gelten im Startchancen-Programm nicht als „Materialien“, über deren Anschaffung die Schule selbst entscheiden kann, sondern als Teil der Lernumgebung. Über diese Mittel kann nur in Abstimmung mit der Stadt als Schulträger entschieden werden – deshalb ist noch offen, welche Ideen sich tatsächlich umsetzen lassen.
Jahres-Etat durch die Förderung mehr als verdoppelt
Das gilt auch für die gewünschte Verbesserung der Bewegungsmöglichkeiten im Außengelände. Direkt einsetzen konnte die Annaschule bislang vor allem die Mittel, über die sie selbst verfügen kann – für Materialien und Projekte. Im Vergleich zum bisherigen Schulbudget sind allerdings auch diese Mittel beträchtlich. „So viel Geld hatten wir noch nie“, sagt Elisabeth Tillessen. „Unser bisheriger Jahres-Etat für die ganze Schule lag 12.000 Euro. Im vorigen Jahr haben wir 13.000 Euro zusätzlich erhalten, dieses Jahr sind es sogar 15.000 Euro zusätzlich. Das macht natürlich einen großen Unterschied.“

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Frontalunterricht ist in der Grundschule heute eher die Ausnahme. Verschiedene Lernmöglichkeiten sollen den Kindern zur Verfügung stehen, so wie hier im Klassenraum der 2B.
Projekt-Ergebnisse werden den Eltern vorgestellt
Unter anderem verwendet die Annaschule die Fördermittel nun für das Projekt „Natur-Tage“ in Kooperation mit dem NABU, für die Kinderchor-Arbeit, zur Finanzierung des Zirkus-Projekts und zur Beschaffung von Diagnose-Materialien zur Erhebung des Sprachstands in Deutsch. Auch kleine, mobile „Sitz-Tische“ konnten angeschafft werden. Die Kinder selbst wurden ebenfalls einbezogen und beschäftigten sich an drei Projekt-Tagen damit, was sie brauchen, um gut zu lernen. Die Projekt-Ergebnisse wie auch das ganze Startchancen-Programm werden den Eltern am 30. September vorgestellt. Denn auch die Eltern sollen nicht nur wissen, was an der Schule ihrer Kinder passiert, sondern sich aktiv einbringen können.

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An der Annaschule wurden Anfang September 46 Erstklässlerinnen und Erstklässler eingeschult.
„Die Annaschule ist meiner Meinung nach die heterogenste Schule in ganz Aachen“, sagt Schulleiterin Elisabeth Tillessen. Die Vielfalt zeige sich nicht nur daran, dass die Kinder aus vielen verschiedenen Nationen stammen, sondern auch daran, dass die Annaschule sich der Inklusion geöffnet hat; seit 2014 ist sie Schule mit “Gemeinsamem Lernen”. Zudem stammen die Familien aus allen sozialen Schichten „von Akademikern der RWTH bis hin zu Menschen, die kaum lesen und schreiben können“. Nicht nur Kinder aus dem unmittelbaren Einzugsgebiet in der Innenstadt besuchen darüber hinaus die Schule, sondern aus dem gesamten Aachener Stadtgebiet. Ein Grund dafür mag auch das evangelische Profil der Schule sein, das in Aachen einzigartig ist.

Pfarrer Joachim Büssow predigte im kindgerecht gestalteten Einschulungs-Gottesdienst in der Annakirche.
Geschichte der Annaschule reicht zurück ins Jahr 1803
Gegründet wurde die Schule im Jahr 1803, nachdem Napoleon die direkt benachbarte Annakirche und das sie umgebende Klostergelände den Protestanten überlassen hatte. Mit der Anmeldung an der Annaschule verpflichten sich alle Familien dazu, dass ihre Kinder am evangelischen Religionsunterricht teilnehmen. Fünfmal pro Jahr werden in der Annakirche evangelische Gottesdienste gefeiert, darunter Weihnachten und Ostern. Pfarrer Joachim Büssow besucht die Kinder regelmäßig in der Schule. Außerdem nehmen sie an einer „Annakirchen-Werkstatt“ teil, in der sie die Kirche auch außerhalb eines Gottesdienstes kennenlernen. Der Kinderchor singt auf Gemeindefesten und bei der Senioren-Adventsfeier. Da die Schule keine eigene Turnhalle besitzt, haben die ersten beiden Klassen Sportunterricht im „Großen Saal“ des Hauses der Evangelischen Kirche, der über einen direkten Zugang von der Schule aus erreichbar ist.
Viel Neues liegt vor den Kindern
All dies kennenzulernen und Stück für Stück an ihrer Schule anzukommen, liegt nun vor den Kindern in der Otter- und der Waschbären-Klasse. An ihrer Seite sind auf diesem Weg die „Paten“ aus den vierten Klassen, und nicht nur sie. Im Einschulungsgottesdienst zieht Pfarrer Joachim Büssow eine Parallele zwischen den Erstklässlern und Abraham aus der biblischen Geschichte: „Ihr müsst euch jetzt auf einen neuen Weg machen, und ihr wisst nicht, wo euch der Weg hinführt, so wie auch Abraham. Aber genau wie er, könnt ihr sicher sein, dass Gott an eurer Seite ist, und dass ihr auf ihn vertrauen könnt.“
(Text: C. Braun / Kirchenkreis Aachen)

(Foto: C. Braun)
Der Einschulungs-Gottesdienst sprach viel Neues und Aufregendes an, das die Kinder in der Schule erleben werden.
