„Wirklich drin – und gleichzeitig draußen“

Claus Wagner ist als evangelischer Militärpfarrer ein „Instanding Outsider“ – Zuständig für vier Standorte in der Region Aachen

Claus Wagner ist ein „Instanding Outsider“. Der evangelische Militärpfarrer ist zwar in die Gemeinschaft integriert und nimmt am Alltag der Soldatinnen und Soldaten teil, dennoch ist er nicht Teil der militärischen Hierarchie und kann damit eine gewisse Distanz und Unabhängigkeit sowie einen neutralen Blick von außen wahren. „Wir sind Zivilisten in der Bundeswehr, die jedoch Zugang zu jeder Ebene haben. Militärseelsorger sind wirklich drin – und gleichzeitig draußen“, erklärt der 61-Jährige, der im vergangenen Jahr sein Büro in der Eschweiler Donnerberg-Kaserne bezogen hat. Ein weiterer Pluspunkt: „Wir haben immer Zeit. Das wissen die Soldatinnen und Soldaten auch“, spricht der Pfarrer von einer hohen Anerkennung der Militärseelsorge in der Truppe. 

Angebote der Seelsorge werden viel genutzt

Pfarrer Claus Wagner führt viele Gespräche unter der Woche, nur in wenigen Fällen stehen Glaubensfragen im Mittelpunkt. Ganz oft geht es um Zwischenmenschliches, um familiäre Themen, die die Soldatinnen und Soldaten beschäftigen und auch belasten. Die Vereinbarkeit von Familie und Dienst ist ein Hauptthema. „Wir sind keine Missionsstation. Wir arbeiten für die Menschen, unterbreiten ihnen ein Gesprächsangebot, das auch genutzt wird. Wir sind für sie da“, erklärt Claus Wagner. Der Bedeutungsverlust von Kirche im Alltag zeichne sich zwar auch in der Bundeswehr ab: Rund 50 Prozent der Soldatinnen und Soldaten hatten noch nie in ihrem Leben Berührung zur Kirche. Und dennoch gebe es eine hohe Wirkungskraft der Militärseelsorge: Rund 80 Prozent der Soldatinnen und Soldaten hätten schon einmal ein (Gesprächs-)Angebot der Seelsorge genutzt, zitiert Wagner Auswertungen. Dabei werde die Militärseelsorge nicht als evangelisch oder katholisch wahrgenommen. „Wir arbeiten sehr stark ökumenisch, treten auch so auf. Auch die jüdische Militärseelsorge geht da so mit rein“, sagt Wagner. Die Militärseelsorge sei die niederschwelligste Form der Hilfe. Selbstverständlich werden aber auch Gottesdienste gefeiert, Taufen und Hochzeiten. Auch für Beerdigungen wird der Pfarrer angefragt. Meist, wenn die Eltern von Bundeswehrangehörigen verstorben sind.

Seit 2019 als Militärpfarrer tätig

„Soldatinnen und Soldaten werden für ganz unterschiedliche Szenarien ausgebildet, sie können Lagen einschätzen und wissen, was auf sie zukommt“, weiß der Seelsorger aus seinem täglichen Austausch. Typisch für Militärangehörige sei es, eine Art Checkliste abzuarbeiten vor Einsätzen oder Aufgaben: Aufgeräumt, vorbereitet, ruhig – vom Packen der Ausrüstung bis zum Verfassen des Testaments. „Ich habe Soldaten immer so erlebt, dass sie sich nicht vorher verrückt machen. Sie haben alle ihre Strategien, um die für sie persönlich schwierigen Situationen bewältigen können“, sagt Claus Wagner. Anders sehe dies oft bei den Angehörigen aus, die sich mitunter Sorgen machen und beispielsweise während eines Auslandseinsatzes zuhause auf ihren Angehörigen warten. Seit 2019 ist Wagner Militärpfarrer, bis November 2025 war er beim Panzerbataillon 203 in Augustdorf Seelsorger, ein Auslandseinsatz führte ihn nach Litauen. Zum 1. November 2025 nutzte er eine Chance, in die Region Aachen zu wechseln. „Ich war schon immer ein Freund von Wechseln zwischendrin. Es tut auch einem Pfarrer gut, dass er seine Routinen überdenken, Dinge anders machen kann“, sagt er.

"Lebenskundlicher Unterricht" ist wichtiger Teil der Arbeit

Die Eschweiler Donnerberg-Kaserne bildet mit der Lützow-, Dr.-Leo-Löwenstein- und Theodor-Körner-Kaserne in Aachen die Technische Schule des Heeres (TSH). Als Seelsorger ist Claus Wagner mit seiner katholischen Kollegin für alle vier Standorte zuständig und versucht, in jeder Liegenschaft auch Angebote zu unterbreiten. „Schule ist anders als kämpfende Truppe“, sagt der Seelsorger. Das gilt für seine Arbeit, aber auch für das Leben und den Dienst der Soldatinnen und Soldaten. Ein klarer Schwerpunkt seiner Arbeit ist der „Lebenskundliche Unterricht“ an der TSH. Zwei bis drei Seminare leitet er pro Woche – mit ganz unterschiedlichen Lerngruppen. Die Unterrichtstermine sind für ein Jahr im Voraus geplant, jedes Seminar braucht viel Vorbereitung. Hinter dem „Lebenskundlichen Unterricht“ steht das Konzept der „Inneren Führung“, der Unterricht ist Teil der Persönlichkeitsbildung der Soldatinnen und Soldaten. „Unsere Armee möchte Staatsbürger in Uniform“, sagt Wagner. 

Moralische und psychische Herausforderungen im Soldatenberuf

Soldatinnen und Soldaten sind keine reinen Befehlsempfänger, sondern sollen auf derselben ethisch-moralischen Grundlage denken wie ein ziviler Bürger auch. Zu den Unterrichtsinhalten gehören politische und ethische Bildung (Wagner: „Wie praktische Philosophie in der Schule.“), Fragen des Lebens und des Dienstes, Individuum und Gesellschaft, Familie und Dienst sowie psychische und moralische Herausforderungen des Soldatenberufes wie Tod, Verwendung und Schuld. „Ein Mandat zu haben und Dinge zu tun ist das eine – wenn es zu einem Kampfeinsatz kommt, Kameraden weggesprengt werden oder ich selbst einen Menschen erschieße, kommt es zu moralischen und psychischen Herausforderungen des Soldatenberufs.“ Die Vorbereitung und innere Auseinandersetzung damit ist das eine, das aktive Netzwerk der Hilfen, zu dem auch die Militärseelsorge zählt, das andere.

Deutliche Mehrbelastungen für Soldatinnen und Soldaten

Der Soldatenberuf sei angesichts einer „völlig aufgefaserten Weltlage“ mit Krisenherden in Osteuropa, Iran und im Nahen Osten immer belastender geworden. Anders als ein Auslandseinsatz, der ganz klar zeitlich umrissen ist und akribisch vor- und nachbereitet wird, auf den sich Soldatinnen und Soldaten wie deren Angehörige einstellen und vorbereiten können, bedeute mittlerweile auch die Landes- und Bündnisverteidigung eine deutliche Mehrbelastung. Beispiel Aufstellung der Brigade zur Sicherung der NATO-Ostflanke in Litauen: „Alle müssen damit rechnen, irgendwann mal in Litauen eingesetzt zu werden. Ohne zu wissen wann – und wie lange. Sich psychisch darauf einzustellen eine völlig neue Situation; das bedeutet Belastung für die Soldaten und für die Familien.“

Früher 20 Jahre lang Gemeindepfarrer in Lippischer Landeskirche

Wie kam der „Instanding Outsider“ eigentlich zur Militärseelsorge? Wie zur Kirche im Allgemeinen – durch Zufall. Claus Wagner ist im lippischen Lemgo aufgewachsen und hat dort Abitur gemacht. „Ich komme nicht aus einem religiösen Elternhaus“, sagt er. Über den großen Bruder eines Freundes entstand Kontakt zur Gemeinde. „Ich bin der, der hängengeblieben ist“, sagt er augenzwinkernd. Zwei Pfarrer, mit denen er zu dieser Zeit zu tun hatte, seien Militärseelsorger gewesen – und hätten viel Interessantes erzählt. Nach seinem Theologiestudium und dem Vikariat war Wagner rund 20 Jahre lang Gemeindepfarrer in der Lippischen Landeskirche und acht Jahre Seelsorger am Dietrich-Bonhoeffer-Berufskolleg in Detmold. „Bonhoeffer war fundamentaler Pazifist war, der in der Auseinandersetzung mit den Nationalsozialisten erkannt hat, dass es eine Form des Widerstands geben muss und das fünfte Gebot verantwortungsethisch und nicht zur prinzipienethisch auszulegen ist, um Schutzverantwortung wahrnehmen zu können. Die Auseinandersetzung mit der Frage, wie es mit meiner Verantwortung aussieht, hat mich durchaus geöffnet, Pfarrer in der Bundeswehr zu sein“, erklärt Claus Wagner. Als ein entsprechendes Angebot im Raum stand, hat er sich beworben, um eigene Erfahrungen zu sammeln.

 Frieden und Sicherheit sind nicht selbstverständlich

„Es ist bedauerlich, dass wir den Soldatenberuf immer vom Krieg her denken. Wesenhaft für die Bundeswehr ist, dass der Beruf vom Frieden her gedacht wird. Die Parlamentsarmee führt keine Angriffskriege, sondern soll dieses Land und die Menschen verteidigen sollen. Indem ich Angriffe auf mein Land nicht abwehre, nehme ich unter Umständen den Tod von vielen Unschuldigen in Kauf“, sagt Claus Wagner und verweist auf die verantwortungsethische Auslegung des fünften Gebotes. Die Angehörigen der Bundeswehr würden die Verantwortung übernehmen, Recht und Freiheit zu verteidigen. „Kämpfen lernen um nicht kämpfen zu müssen“, sagt Wagner. „Im gesellschaftlichen Umgang mit der Bundeswehr sind Fehler gemacht worden“, bilanziert er. Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine wandle sich aber die öffentliche Wahrnehmung. „Wir haben leider in diesem Land verlernt, Frieden und Sicherheit als etwas zu sehen, für das man arbeiten muss, für das man sich anstrengen muss. Wir halten das für selbstverständlich“, sagt Claus Wagner.

Denkbar wäre soziales Pflichtjahr für alle

Die Debatte um einen neuen Wehrdienst sieht er als Chance: „In der Zeit der Wehrpflicht kamen wirklich Menschen unterschiedlichster Herkunft und Bildungsniveaus zusammen. Das ist bei unserem derzeitigen Modell mit dem freiwilligen Wehrdienst nicht der Fall. Es täte der Truppe aber gut, weil sie dann wirklich dem Leitbild des Staatsbürgers in Uniform entspräche mit einer festen Verwurzelung in der Gesellschaft.“ Der neue Wehrdienst sollte aber nicht als Wehrpflicht daher kommen, sondern eingebettet sein in ein soziales Pflichtjahr für alle. „Denkbar wären neben dem Militärdienst der soziale, der kulturelle und sicher noch einige andere Einsätze in der Gesellschaft“, findet Claus Wagner. 

Zugewiesen zum Gemeindebereich Aachen-Nord

Der Militärseelsorger hat einen Platz in der Synode des Kirchenkreises Aachen und ist dem Gemeindebereich Aachen-Nord zugewiesen, doch aufgrund seiner Einbindung in die vier Standorte der Technischen Schule des Heeres bestand bislang kaum die Möglichkeit, in der „Nachbarschaft“ aktiv zu werden. Hinzukommt, dass Claus Wagner an den Wochenenden zu seiner Ehefrau „pendelt“, die nach wie vor in Lemgo wohnt. „Ich habe eine Zeit gebraucht, um hier alles für mich zu ordnen“, ist er aber offen, als Militärseelsorger auch die Kaserne zu verlassen. 

(Text: Stephan Johnen)

 

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