"Junge Flüchtlinge aus Afrika vegetieren wie streunende Hunde dahin"

Delegierte aus der Region Aachen berichten von katastrophalen Lebensumständen der Illegalen in Marokko - Susanne Degenhardt engagiert sich im Kirchenkreis Aachen, um den jungen Menschen eine Stimme zu geben und ihre Lage zu verbessern

Von den katastrophalen Zuständen, unter denen afrikanische Flüchtlinge in Marokko leben, haben jetzt die Mitglieder einer Delegation aus der Evangelischen Kirche im Rheinland berichtet. Susanne Degenhardt, Mitglied des Kreisynodalvorstands des Kirchenkreises Aachen, Landessynodale und Mitglied des kreisübergreifenden Marokko-Ausschusses, ist im Februar zum zweiten Mal nach Marokko gereist, um dort afrikanische Flüchtlinge aus den Ländern der Subsahara zu treffen.

Flucht vor Krieg, Verfolgung, Umweltschäden und Chancenlosigkeit

In bewegender Weise schilderte Susanne Degenhardt ihre eigenen Eindrücke vom Leben der jungen Menschen, die unter menschenunwürdigen Zuständen in illegalen Lagern hausen oder in alten Güterwaggons dahinvegetieren, sich mit 30 Personen schichtweise einen winzigen Wohnraum teilen, denen es an Nahrung und Kleidung fehlt und die rechtlos den ständigen Übergriffen der marokkanischen Polizei ausgesetzt sind. Die oft gut ausgebildeten Flüchtlinge, die zum Beispiel wegen Krieg oder politischen Unruhen in ihrer Heimat, aufgrund von Naturkatastrophen oder fehlenden Zukunftsperspektiven nach Europa fliehen wollen, sitzen unfreiwillig in Marokko fest, wenn ihnen die Überfahrt über das Mittelmeer nicht gelingt. Nach einer in vielen Fällen jahrelang dauernden Flucht kommen viele Flüchtlinge entkräftet, krank, traumatisiert und völlig mittellos dort an. Auch eine Rückkehr in die Heimatländer ist ihnen nicht möglich.

Marokkanische Behörden ignorieren die Genfer Flüchtlingskonvention

"Alle Flüchtlinge sind behördlichen Repressalien, Unterdrückung und großem Mangel ausgesetzt", schreibt Susanne Degenhardt in ihrem Erfahrungsbericht in der aktuellen Ausgabe des Gemeindebriefs "Evangelisch in Aachen". "Marokkanern ist es bei Strafandrohung verboten, Flüchtlinge zu unterstützen. So leben sie als Illegale in einer Gesellschaft, von der sie keinerlei Hilfe erfahren, was zu unvorstellbar bedrückenden Lebensbedingungen führt. Sie dürfen nicht arbeiten und haben daher keine Chance, zu ihrem Lebensunterhalt beizutragen."

Die Nichtanerkennung der Flüchtlinge durch die marokkanischen Behörden, wie sie in der Genfer Flüchtlingskonvention vorgesehen ist, erklärt auch den Mangel an Bemühungen, die Integration der Flüchtlinge zu erleichtern. Weil ihnen alle offiziellen Papiere verweigert werden (Aufenthaltserlaubnis, Berufsausbildungen, Geburtsurkunden für Flüchtlingskinder, Recht auf Schulbildung usw.), können sie auch ihrerseits nichts tun, um am Leben in der marokkanischen Gesellschaft teilzuhaben.

Europa trägt Mitverantwortung für Flüchtlingselend

Doch die Situation der Flüchtlinge ist nicht allein in der Haltung der marokkanischen Behörden begründet, wie der Bericht der Delegation ausführt. "Die Vorstellung, dass vor allem Europa mit seiner Blockadepolitik an den EU-Außengrenzen das Elend zu verantworten hat und die meist jungen Menschen wie streunende Hunde dahinvegetieren lässt und sie jeder Zukunftsgestaltung beraubt, ist unerträglich", heißt es dort. Mit der Reise und der Information über die Zustände in Nordafrika wollen die Engagierten "Menschen dafür gewinnen, in Deutschland gegen die mörderische Blockadepolitik der EU, der tausende Menschen jedes Jahr zum Opfer fallen, zu protestieren und dafür zu werben, der kleinen, finanziell armen, aber engagierten protestantischen Kirche in Marokko zu helfen, für die da zu sein, denen man offensichtlich das Menschsein abspricht." Denn Marokko und andere nordafrikanische Staaten arbeiteten mit ihren Maßnahmen letztlich Europa zu. "Marokko macht für uns die 'schmutzige Arbeit' die Flüchtlinge von Europa fernzuhalten", meint Susanne Degenhardt. "Die Menschenrechtsverletzungen dort geschehen auch in unserem Namen! Es sind unsere Steuergelder, mit denen die Grenzanlagen und deren Sicherung bezahlt werden." 

Protest hier - humanitäre Hilfe vor Ort

Ansatzpunkte dafür, wie die Flüchtlinge gleichzeitig vor Ort unterstützt werden können, zeigt die Arbeit der protestantischen Kirche in Marokko, eine Partnerkirche des Kirchenkreises Jülich. Doch obwohl die Eglise Evangélique au Maroc (EEAM) etwa die Hälfte ihres Gesamthaushaltes für die Versorgung der Flüchtlinge einsetzt, reicht das bei weitem nicht aus. Auch die Caritas und "Ärzte ohne Grenzen" stehen an der Seite der Flüchtlinge. Dennoch kann nur jedem Dritten ein wenig mit Lebensmitteln, Kleidung oder Decken für die Nacht geholfen werden. Eine größere medizinische Unterstützung bei schwerer Krankheit ist aus finanziellen Gründen nicht möglich. Nur an zwei Tagen in der Woche können die Menschen medizinische Versorgung erhalten, und dies gilt auch nur für maximal 25 Flüchtlinge pro Tag.

Studenten und Studentinnen helfen den Illegalen

Umso mehr beeindruckte die deutsche Delegation die Atmosphäre der Gastfreundschaft und die geistliche Verbundenheit in den Gemeinden Marokkos, die heute fast ausschließlich aus den illegalen Flüchtlingen und legal dort Studierenden aus verschiedenen afrikanischen Ländern bestehen. Diese Studentinnen und Studenten organisieren und gestalten heute zusammen mit den Flüchtlingen zunehmend eigenständig mit großem Engagement und unter persönlichem Einsatz und Risiko die Hilfsprojekte der Gemeinden: Erstens die Humanitäre Hilfe, zweitens die Unterstützung von Mikroprojekten und beruflichen Qualifizierungen und drittens das Stipendien-Programm für Studierende.

Susanne Degenhardt nach Ihrer Rückkehr von der Reise im Februar 2012:

Frau Degenhardt, was hat Sie bei Ihren Reisen zu den afrikanischen Flüchtlingen in Marokko besonders berührt?

Es sind vor allem die Begegnungen mit den Flüchtlingen, denn die bekommen dort plötzlich ein Gesicht, einen Namen und eine persönliche Flucht- und Leidensgeschichte. In Marokko sind sie rechtlos und haben überhaupt keine Lebensperspektive. Von diesen konkreten jungen Menschen hier in Deutschland zu erzählen und ihnen hier bei uns eine Stimme zu geben, sehe ich als Teil meines Engagements an. Obwohl es für das unvorstellbare Elend, in dem sie leben, eigentlich keine Worte gibt.

Da die Flüchtlinge in Marokko keinerlei staatliche Hilfe erhalten, werden sie von der Eglise Evangélique au Maroc (EEAM) und von schwarzafrikanischen Studierenden unterstützt, die sich legal in Marokko aufhalten. Über diese Kontaktpersonen konnte Ihre Delegation die Flüchtlinge überhaupt treffen. Wie haben Sie die Hilfe für die Flüchtlinge dort erlebt?

Die Studierenden aus den verschiedensten Ländern Afrikas, die ich dort getroffen habe, haben mich sehr beeindruckt. Viele von ihnen sind in den Gemeinden Marokkos aktiv und setzten sich für die Flüchtlinge ein. Sie könnten sich auch nur auf ihr Studium konzentrieren und einfach an sich denken. Stattdessen kümmern sie sich um die Flüchtlinge, investieren ihre Zeit, ihre menschliche Anteilnahme, ihre Solidarität. Einzelne von ihnen, die mit Hilfe der Stipendien studieren konnten, bleiben sogar nach abgeschlossenem Examen oder Diplom ein weiteres Jahr in Marokko, um eine Art "soziales Jahr" in der Flüchtlingsarbeit zu absolvieren. Auch für diese jungen Menschen ist das Elend der Flüchtlinge schockierend und belastend, aber sie sind an ihrer Seite und nur über sie sind uns die Begegnungen in Flüchtlingslagern und Wohnquartieren möglich. Wir alle könnten von ihnen lernen.

Die Landessynode hat im Januar 2012 beschlossen, die Flüchtlingsarbeit der EEAM finanziell zu unterstützen - zunächst drei Jahre lang mit jeweils 10.000 Euro im Jahr. Was können wir hier im Evangelischen Kirchenkreis Aachen tun, um den afrikanischen Flüchtlingen in Marokko zu helfen?

Es gibt einiges, was wir alle konkret tun können, um den Flüchtlingen zu helfen. Zunächst können wir von ihrem Schicksal und ihrer Not berichten und die Menschen darauf aufmerksam machen. In den Gemeinden und den Schulen können wir das Problem zum Thema machen, damit diese Flüchtlinge nicht vergessen werden. Und gleichzeitig kann uns das daran erinnern, dass wir hier in Deutschland auch Flüchtlinge in unserer Gesellschaft haben und welche Geschichten sie mitbringen.

Außerdem können wir das Elend der Flüchtling in Marokko zum politischen Thema machen, zum Beispiel indem wir Informations- und Diskussionsveranstaltungen organisieren oder Politiker direkt ansprechen. Und humanitäre Hilfe können wir ermöglichen, indem wir die Flüchtlingshilfe in Marokko in unsere Kollekten aufnehmen, um mit den Spenden Nahrung, Kleidung, Decken und medizinische Versorgung zu finanzieren. Wer ganz unmittelbar selbst mithelfen will, kann sich darüber hinaus in der Partnerschaft zwischen dem Kirchenkreis Jülich und der Eglise Evangélique au Maroc engagieren.