Evangelische Kirche in Schleiden feiert 225-jähriges Bestehen

Festgottesdienst mit anschließendem Empfang am Sonntag, den 14. April - Protestanten mit bewegter Geschichte in Schleiden

Vor 225 Jahren, am ersten Sonntag im April 1788, wurde die Evangelische Kirche in Schleiden durch einen Gemeindegottesdienst und ein anschließendes Fest feierlich eingeweiht. Daran soll ein Festgottesdienst am Sonntag, den 14. April 2013, erinnern. In diesem Gottesdienst führt ein eigens gebildeter Projektchor die Kantaten "Alles was ihr tut" und "Erhalte uns, Herr, bei deinem Wort" auf. Im Anschluss an den Gottesdienst lädt die Ev. Trinitatis-Kirchengemeinde Schleidener Tal alle Gäste zum Empfang im Gemeindehaus in Schleiden ein.

Bewegte Geschichte der Kirchengemeinde

Die Kirchengemeinde Schleidener Tal blickt auf eine bewegte Vergangenheit zurück. Nach dem Tod des letzten Grafen von Manderscheid-Schleiden im Jahre 1593 verlor die Evangelische Gemeinde, die damals die Mehrheit im Schleidener Tal stellte, bald ihren Gottesdienstort in Schleiden. Der Ehemann einer Schwester des letzten Grafen, Philipp von der Marck, siegte im Erbfolgestreit. Mit ihm begann die Gegenreformation, unter der die lutherische Gemeinde in Schleiden bis zum Ende der Grafenherrschaft 1773 zu leiden hatte. Der luxemburgischen Linie der Habsburger gehörte nun die Burg Schleiden, und in ihrem Auftrag nahmen spanische Truppen den Evangelischen die Schlosskirche weg. Die evangelische Gemeinde konnte zunächst auf die Hospitalkirche ausweichen, einen Vorgängerbau der im 2. Weltkrieg zerstörten Klosterkirche. Philipps Sohn Ernst von der Marck hielt sich nicht an die von seinem Vater gegebenen Zusicherungen an die Ev. Gemeinde. Der letze lutherische Pfarrer Schleidens, Rolandseck, floh 1619 nach Gemünd. Damit endete für 167 Jahre nach 60 Jahren die Geschichte der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde in Schleiden, die auch die Höhendörfer Harperscheid, Schöneseiffen und Bronsfeld und auf der anderen Seite Eichen sowie Ingersberg und das ganze selbst Tal von Gangfort über Wiesgen, Oberhausen und Blumenthal bis nach Hellenthal umfasste.
Dennoch blieb das evangelische Bekenntnis lebendig: Trotz des Druckes auf die Evangelischen (erhöhte kirchliche Abgaben an die kath. Kirche, zwangsweise Teilnahme an Prozessionen und Pflicht zum Läuten und Schmücken der Häuser an kath. Feiertagen, Verbot der Beerdigung nach eigenem Ritus und des Läutens der Totenglocke) lebten nach Auskunft des katholischen Pfarrers Bernhard Beyer noch 1705 in diesem Bereich mehr Evangelische als Katholiken: 588 zu 556. Bezeichnend ist eine Begebenheit aus dem Jahre 1660: Der Reidtmeister Puntzeler (Poensgen) wurde zum Tode wegen Gotteslästerung verurteilt, weil er unter Bezugnahme auf die Bibel darlegte, dass Christus leibliche Brüder gehabt habe. Diese Strafe wurde dann in 8 Stunden Schandpfahl-Stehen und anschließende Verbannung "begnadigt".
Seit 1626 war es dem lutherischen Pfarrer von Gemünd unter Androhung des Landesverweises verboten, die Stadt Schleiden zu betreten. Viele Angehörige der wirtschaftlich führenden Reidtmeister-Familien wie Schöller, Peuchen, Günther und Rotscheid flohen daraufhin in den Jülicher Teil von Gemünd; Schleiden verlor mit diesen Unternehmerfamilien einen großen Teil seiner Wirtschaftskraft und wurde ökonomisch von Gemünd überflügelt.
Gemünd wurde so seit etwa 1620 zum Mittelpunkt der Ev. Gemeinde; die widerwillige Duldung durch die Jülicher Herrschaft wandelte sich erst 1682 in eine offizielle Genehmigung der Gottesdienste. Bis 1753 fanden diese in verschiedenen Privathäusern statt; im letztgenannten Jahr wurde die große Gemünder Kirche gebaut, deren Größe auf die Beherbergung auch der Evangelischen aus Schleiden und dem Obertal ausgelegt war.
In Schleiden konnten die protestantischen Bürger um das Jahr 1660 außerhalb der Stadtmauern ein Grundstück für einen eigenen Friedhof erwerben - 120 Jahre später sollte hier die Schleidener Kirche gebaut werden.

Genehmigung zum Kirchenbau erfolgte erst 1785

Um das Jahr 1750 machte sich eine Abordnung aus Schleiden auf den Weg nach Wien, um bei der Oberlehnsherrin Kaiserin Maria Theresia eine Kirchbaugenehmigung zu erwirken. Sie konnten sich dabei auf eine Denkschrift des Grafen von der Marck stützen, der den großen Steuerbeitrag der Reformierten und Lutherischen betonte,

"welche die reichsten und arbeitsamsten Untertanen sind.... Wenn der Graf von der Marck den Bittstellern ihre Bitte abschlägt, dann werden zwei Übelstände die Folge sein: die Auswanderung eines Teils der Familien dieser beiden Religionen, was den totalen Ruin des bißchen Handels in der Grafschaft herbeiführen wird, und zweitens: Die Unmöglichkeit, in welcher die katholischen Einwohner sich befinden werden, an Ihre Majestät die befohlenen Steuern zu zahlen (...)".

Dennoch hatten diese Argumente bei der Kaiserin keinen Erfolg. So wurde der Preußenkönig Friedrich II. eingeschaltet, der sich - ebenfalls vergeblich - bei der Herrschaft Pfalz-Jülich und beim Kloster Steinfeld dafür einsetzte, dass eine Kirche für Hellenthal auf dem Territorium der Wildenburg gebaut werden konnte. Der Preußenkönig wies die Bittsteller daraufhin "unter der Hand" darauf hin,

"daß sie besser tun würden, wenn sie sich successive in meinen Landen etablierten, inmaßen sie allhier wegen ihres Gottesdienstes nicht nur alle Freiheit, sondern auch sonsten in allen anderen Vorfallenheiten meiner Protektion und Hilfe sich erfreuen haben würden."

Auch 1771 scheiterte die schon gegebene Erlaubnis zum Kirchbau (erteilt unter der Auflage, dass abwechselnd lutherische und reformierte Gottesdienste gefeiert werden sollten) des letzten Grafen von der Marck, Ludwig-Engelbert, am Einspruch Maria Theresias. Unter ihrem Sohn und Nachfolger, Kaiser Joseph II., wurden die Einflüsse der Aufklärung spürbar; sein Toleranzedikt vom 13.10. 1781 erlaubte generell den nichtkatholischen Untertanen den Bau eigener Bethäuser ohne Turm und Glocken und ohne Eingang von der Straße aus.
Der neue Landesherr Ludwig-Engelbert von Aremberg erteilte die Kirchbaugenehmigung sofort, die Genehmigung des Kaisers kam dann - endlich (!) - 1785. Nun entstand allerdings innerhalb der von Schleiden bis Hellenthal reichenden Gemeinde Streit über den Standort der zu bauenden Kirche. Die Tradition sprach für Schleiden; die zahlreichen Gemeindeglieder im Obertal plädierten aber für Hellenthal. Der Kompromissvorschlag, die Kirche in Oberhausen zu bauen, fand auf keiner Seite Zustimmung. Obwohl der Herzog von Aremberg selbst vermittelte und für den Fall einer Einigung die Erlaubnis für den Bau eines Turm mit Glocken in Aussicht stellte, spaltete sich über diese Frage die Gemeinde in die bis 2007 existierenden Teile Gemünd, Schleiden und Hellenthal. Und dies, obwohl dem Gemünder Pfarrer Bolenius von den Gemeindegliedern zwischen Schleiden und Hellenthal immer wieder zugesichert worden war, dass er ihr Pfarrer sein und die Gemünder Kirche ihre Gottesdienststätte bleiben werde. Die 1753 neu erbaute Kirche in Gemünd war so mit einem Mal für die 25 lutherischen Haushalte in Gemünd viel zu groß.
Auch die Finanzierung der Pfarrstelle fiel schwer. Als Pfarrer Bolenius 1802 nach 52 Dienstjahren starb, kehrten sich die Verhältnisse um: die Mitverwaltung der lutherischen Gemeinde Gemünd wurde dem Schleidener Pfarrer übertragen. Den gab es seit dem Frühjahr 1786 wieder in Gestalt von Johann Michael Jahn. Er durfte die Gottesdienste bis zur Fertigstellung der Schleidener Kirche in einem Saal des Schleidener Schlosses halten. Dieser Kirchbau begann zeitgleich auf dem gemeindeeigenen Friedhofsgelände. Die Grundsteinlegung fand am 11. April 1786 statt; Pastor Jahn predigte über Psalm 127,1: "Wenn der HERR nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen." Im Späherbst 1786 konnte Gottesdienst in der Kirche gefeiert werden, die, nach den Worten von Pastor Jahn zu urteilen, jedoch erst im Rohbau fertig war:

"Durch unserer gnädigsten Obrigkeit Erlaubnis können wir uns schon in vier aufgeführten Mauern und einem Dache, das uns vor Wind und Wetter schützt, vesammeln, und können unsere Jugend sowohl in der Religion, als in anderen nützlichen Kenntnissen, unterrichten lassen."

Die nötigen Mittel wurden durch eine Umlage von 21 Talern für jede der zur lutherischen Gemeinde gehörigen 98 Haushaltungen aufgebracht. Manche Familie mussten sich dazu verschulden. Dazu kamen Eigenleistungen beim Bau, und außerdem führte der neue Pfarrer eine Kollektenreise nach Düren, Jülich, Aachen, Köln, Krefeld und Wuppertal durch. Auch ein Pfarrhaus und ein Schulhaus wurden erworben. Der neue Pfarrer organisierte Kirchenvorstandswahlen, die jeweils 3 ersten Vorsteher und Ältesten stammten aus Kall, Bronsfeld und Eichen.
Hatten 1771 beim gescheiterten Kirchbau-Versuch Reformierte und Lutherische noch gemeinsam ein Grundstück erworben, so wurde die dann ab 1786 erbaute Kirche allein von der lutherischen Gemeinde finanziert, ebenso der Pfarrer und der Lehrer.

Feierliche Einweihung im April 1788

Trotz der spürbaren Verbesserungen für das gemeindliche Leben blieben viele Belastungen bestehen: Der Katholizismus blieb Staatsreligion; besondere Gebühren mussten für Taufen und Trauungen bezahlt werden - an den katholischen Geistlichen, der dazu ja nicht in Anspruch genommen wurde. Außerdem mussten die allgemeinen Abgaben zur Instandhaltung der katholischen Kirchen und Pfarrhäuser mit bezahlt werden. An katholischen Feiertagen mussten auch evangelische Gottesdienste stattfinden.
Auch nach der in Gemünd schon 1822 vollzogenen Union zwischen Reformierten und Lutheranern schlossen sich die Reformierten in Schleiden erst nach und nach der Ortsgemeinde an. Durch diesen Zustrom vor allem der reichen Fabrikantenfamilien kam die Gemeinde im 19. Jahrhundert zu einem gewissen Vermögen; der zwischen 1839 und 1841 errichtete Turm konnte so ganz durch gemeindliche Spenden finanziert werden. Der preußische Kronprinz Friedrich Wilhelm wohnte in dieser Zeit einem Taufgottesdienst bei und übernahm die Patenschaft; zur 300-Jahr-Feier der Einführung der Reformation in Schleiden wurde 1859 eine neue Orgel eingebaut, die im 2. Weltkrieg zerstört wurde. Die heute vorhandene Orgel stammt aus dem Jahr 1958.
Noch einmal zurück zur Einweihung der Kirche selbst: Im Herbst 1787 wurde das Kirchengestühl durch den Schleidener Schreinermeister Peter Werner fertiggestellt, der Fußboden wurde gelegt, die Wände verputzt und gekälkt, und am 6. April 1788 fand die feierliche Einweihung der - nun einigermaßen fertigen- Kirche statt. Zitate aus der damaligen Predigt von Pastor Jahn über Psalm 100 sollen den Schluss dieses Artikels bilden:

"Hier an diesem Ort hat euch nun der HERR eine Stätte bereitet, wo ihr ihn sollt kennen lernen und ihn verehren, wo er euch in dem Wege des Lebens will unterrichten, wo er euch will trösten, wo er euch will mahnen, wo er euch von der Sünde abschrecken und wo er euch Vergebung der Sünde anbieten und zum Lohn für eure Tugend euch die Ewigkeit und Vollkommenheit versprechen lassen will."

Und ganz am Ende steht der Wunsch:

"Herr mein Gott segne dein Wort, dass du von dieser Stätte durch mich noch hier verkündigen lässest, segne o Gott dein Wort, das du durch alle diejenigen hier verkündigen lässest, die nach mir an dieser Stätte stehen, auf daß, wenn wir alle, die wir heute hier versammelt sind, schon lange nicht mehr sind, dein Segen noch groß sei an dieser Gemeinde. Sammle dir, O Herr, eine große Herde in diesem Hause für jene Ewigkeit, auf daß wir einstens recht viele um deinen Thron versammelt, dich loben und preisen von Ewigkeit zu Ewigkeit!"

(Text und Bilder: Evangelische Trinitatis-Kirchengemeinde Schleidener Tal)

Link zur Website der Trinitatis-Kirchengemeinde Schleidener Tal