02.11.2016

Annakirche zum Start des Reformationsjahres überfüllt

Pfarrer Martin Obrikat formuliert Gedanken und Wünsche zur aktuellen Feier des Jubiläums - 43. Aachener Bachtage beginnen mit Kantate "Ein feste Burg ist unser Gott"

Besucher der Deutschen Evangelischen Kirchentage kennen die Schilder "Kirche überfüllt" zwar von besonders beliebten Veranstaltungen, im normalen Gottesdienst-Alltag werden sie jedoch eher selten benötigt. Zum 499. Gedenktag der Reformation am Montag musste ein solches Schild vor der Aachener Annakirche aufgestellt werden, weil mehr Menschen den Gottesdienst besuchen wollten, als das Gebäude fassen konnte. Der Reformationstag 2016 markierte nicht nur den Beginn der 43. Aachener Bachtage, sondern auch den Start in ein Jubiläumsjahr mit zahlreichen Veranstaltungen, das mit dem 31. Oktober 2017 seinen Höhepunkt und Abschluss finden wird.

Die Predigt zum Reformationstag am 31.10.2016 von Pfarrer Martin Obrikat:

Liebe Festgemeinde an diesem besonderen Tag.

Ja, heute ist ein besonderer Tag. Das Reformationsjahr beginnt. Kaum eine Zeitung in Deutschland kommt heute ohne einen Aufmacher mit Martin Luther heraus. Das Reformationsjahr ist medial außerordentlich präsent. Wie wollen wir es begehen?

Was am 31.10.1517 genau geschah, darüber ist sich die Forschung nicht sicher. Ob Luther selber tatsächlich seine 95 Thesen von der Kraft der Ablässe an die Tür der Schlosskirche schlug – die Tür war das Schwarze Brett der Universität und die Thesen luden auf diese Weise zum akademischen Disput ein – bleibt ungeklärt. Sicher nur: Dieses Datum steht unter dem Brief, mit dem er die Thesen dem Oberhirten seiner Kirchenprovinz, Erzbischof Albrecht, schickte.

Noch zu Luthers Lebzeiten begannen wohl erste Gedenkfeiern Luthers und seiner Getreuen, die sich am 31.10. dessen erinnerten, was damals begann. 1617 feierten die evangelischen Christen dann zum ersten Mal ein „rundes“ Reformationsjubiläum. 100 Jahre nach dem Beginn der Reformation ging es ihnen dabei vor allem darum, sich der protestantischen Identität zu vergewissern. Das geschah in scharfer polemischer Abgrenzung gegen die katholische Kirche. Nicht zuletzt wohl auch in der Absicht, den innerkatholischen Neuaufbruch, den das Trienter Konzil ausgelöst hatte, in den Schatten zu stellen. Rom wiederum konterte mit einem Sonderjubiläum zur „Ausrottung der Ketzereien“.

Ein Jahr später brach der Dreißigjährige Krieg aus, der blutigste und verheerendste Religionskrieg im Gefolge dessen, was 1517 begann. Er ließ Deutschland verwüstet zurück. Auch ein Jahrhundert später, 1717, idealisierte man Luther in seinem Kampf gegen das Papsttum und als Gründer einer neuen Kirche. 1817 aber – nach der Völkerschlacht und dem Sieg über Napoleon – wird Luther als deutscher Nationalheld auf den Plan gerufen – nationalistische Töne, die sich durch das 19 Jahrhundert weiter steigern und 1917 schließlich, mitten im Ersten Weltkrieg Martin Luther 1917 als „Mann aus Erz“ verklärt, als den Deutschen schlechthin mit festem Gottvertrauen und unerschütterlichem Kampfeswillen, der zusammen mit Hindenburg zum Retter des deutschen Vaterlandes in einer Zeit der größten Not angerufen wird. Von heute her gesehen: Entsetzlich.

Wie wollen, wie werden wir das Reformationsjahr 2017 begehen? Drei Gedanken, drei Wünsche.

1. Lasst uns dankbar sein – aber auch sachlich und nüchtern.

Wir können dankbar sein für die  Aufbrüche der Reformation, für ihre Impulse. Dafür, dass Sie das Evangelium wieder in Mittelpunkt gestellt hat, dafür, dass Sie das Wort Gottes wieder den einfachen Menschen zugänglich machte, für den Aufbruch in mündigem Glauben, für die Impulse der Freiheit, die von der Reformation ausgingen. Sie sind eine wichtige Wurzel unseres heutigen Lebens, unseres säkularen Menschenrechts- und Bildungsverständnisses.

Aber Luther stand nicht allein in einem aufgewühlten Jahrhundert mit einem Bündel von Umwälzungen ganz unterschiedlicher Art in Weltbild und Wissenschaft, Wirtschaft, Philosophie und Bild vom Menschen. Der Reformator, dessen titanische Hammerschläge durch die Geschichte hallen und der Freiheit bringen, sind ein Zerrbild vergangener Jahrhunderte. Wir können es getrost zur Seite legen. Es lohnt sich genauer hinzuschauen.

·         Etwa auf die einfachen Menschen, die etwa in unserer Region die Gedanken der Reformation verbreiteten – (in einer Reformation ohne Reformatoren) – davon wird die Rede sein, etwa in einer Ausstellung im Centre Charlemagne hier in Aachen im kommenden Jahr,

·         und dabei die zutiefst problematischen Seiten Luthers nicht auszulassen, die 2017 Gott sei Dank von keiner Seite verschwiegen werden. Luthers Hetzschriften gegen Türken und Juden und Bauern müssen einem heute die Schamesröte ins Gesicht treiben. Sein Hang zum Rechthaben, seine Neigung, je älter er wurde, desto ausgeprägter, jeden anzugreifen, der nicht seiner Meinung war, auch das gehört ins Bild.

Reformationsjubiläen neigen zum Pathos. In der eigentümlichen Mischung von Kirche, Staat und Fremdenverkehrsförderung ist auch 2017 alles andere als frei davon. Lasst uns versuchen, davon möglichst wenig zu verbreiten.

2. Lasst uns versöhnlich und versöhnt feiern

„Vom Konflikt zur Gemeinschaft“ steht über diesem Tag. Das erste Mal in 500 Jahren Reformationsgeschichte gehen wir dieses Jahr gemeinsam, ökumenisch an. Dieser Tag ist historisch, nicht, weil wir in Deutschland das Reformationsjahr beginnen, sondern wegen des heutigen Besuches des Papstes bei Lutherischen Weltbund in Lund, in Schweden, dort, wo der LWB vor 70 Jahren gegründet wurde. Dort wurde heute ein ökumenischer Gottesdienst zum Beginn des Reformationsjahres gefeiert. Was für ein großartiges Zeichen. Dann gibt es wirklich etwas zu feiern, wenn wir versöhnt und versöhnlich, nicht in Abgrenzung feiern!

Die Reue gehört dazu über die Mauern, die wir gegeneinander hochgezogen haben. Die Reue für das kriegerische und gewaltsame Erbe der Reformationszeit, des politischen Missbrauchs der Religion. Aber die dankbare Anerkennung steht im Vordergrund, dass wir gemeinsam unterwegs sein können. „Wir wollen künftig alles aus der Perspektive der Einheit und nicht der Spaltung betrachten“, so haben sich LWB und Vatikan heute versprochen.

Ich bin glücklich, dass wir in Aachen am 24.6. einen ökumenischen Kirchentag feiern werden. Er wird für uns ein wesentlicher Höhepunkt dieses Reformationsjahres sein! Machen wir ein buntes, ein versöhnliches und versöhntes Fest aus diesem Jahr und besonders aus diesem Tag.

3. Lasst uns gemeinsam über uns herauswachsen [1]typo3/#_ftn1, indem wir auf Christus schauen.

Wir leben in einer Zeit, die nach Orientierung sucht, in der Religion strittig ist, nicht nur der Islam. Die Rolle der Religion in der Öffentlichkeit, ihr Spannungsverhältnis zum säkularen Staat und das Verhältnis der Religionen untereinander – wir befinden uns mitten in einem ungemein bewegten gesellschaftlichen Aushandlungsprozess, wie das alles in Zukunft gestaltet werden soll.

Liebe Festgemeinde, es ist gut und wichtig, zu wissen, wer wir sind und woher wir kommen. Es ist gut und wichtig, für die eigenen Standpunkte eintreten zu können. Aber nichts ist gewonnen mit dem trutzigen Einfordern alter Größe, alter Stärke, alter Machtansprüche. Nichts ist gewonnen mit dem trotzigen Stehenbleiben.

„Ein feste Burg“ haben wir gerade in der großartigen Bachkantate gehört – aber lassen wir nicht zu, dass es die Fluchtburg wird, in die wir uns selbstbezüglich zurückziehen und verschanzen. Denn die Quintessenz des Liedes ist die Quintessenz der reformatorischen Erkenntnis Luthers: „Mit unserer Macht ist nichts getan - Es streit für uns der rechte Mann – weißt du wer das ist – der Herr Jesus Christ“.

Wir reden nicht von uns selbst. Wir fußen nicht auf unserer eigenen Leistung. Das ist Luthers Erkenntnis. Wir müssen unsere Identität nicht selbst erkämpfen, verteidigen, krampfhaft festhalten. Sie wird uns in Christus zugesprochen. Sie ist Geschenk: Du bist Gott recht.

Wir reden von Christus. Christus, der an unsere Stelle tritt, der uns so befreit, auch befreit von uns selbst und den übermächtigen Bildern von uns selbst. Christus, der Lebendige geht uns voran, leise, davon bin ich überzeugt.

Reformation feiern wir, indem wir ihm folgen und darin über uns hinauswachsen. Vieles wird und darf dann zurückbleiben, gemeinsam unterwegs in der Nachfolge dessen, der uns vorangeht. Das erschließt uns die Perspektiven darauf, wer wir sind in globalisierter säkularer Welt.

Der Kirchenkreis Aachen hat sich entschieden, als ein zentrales Ereignis des Reformationsjahres gemeinsam mit drei weiteren Kirchenkreisen im Westen eine Reformationssynode einzuberufen. Unsere ökumenischen Partner sind dazu eingeladen, unsere euregionalen Partner und unsere internationalen Partner aus den Partnerschaftskirchen der beteiligten Kirchenkreise. Es geht nicht nur um uns in Deutschland, wenn wir Christus nachfolgen, wenn wir uns darauf besinnen, wer wir sind.

Christus nachfolgen und dabei über uns hinauswachsen: Es ist kein Zufall, dass der stärkste ökumenische Basisimpuls vor Ort (in meiner Wahrnehmung) in der letzten Zeit die gemeinsame Flüchtlingshilfe der vergangenen Monate war, die uns zusammengeführt hat!

Wie wollen wir feiern?

Lasst uns in dieses Reformationsjahr gehen – dankbar für das Evangelium, aber nüchtern. Versöhnt und Versöhnlich. Und indem wir auf Christus schauen und so uns verändern und über uns hinauswachsen.

Dazu helfe uns Gott.

Amen.

 


[1] „Wir müssen lernen, über uns herauszuwachsen, um dem anderen zu begegnen“ hat Franziskus in der Vorbereitung auf Lund gesagt.

 

(Alle Fotos auf dieser Seite: Andreas Steindl)

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1.Thessalonicher 1,6