175 Jahre Kirchenkreis Aachen

13.05.2013

Das erste „protestantische Jahrhundert“ in unserer Region

Hier auf der ehemaligen Burg Lürken bei Eschweiler, Ende des 16. Jahrhunderts von der Familie Mangelmann erworben, gab es evangelische Gottesdienste.

175 Jahre alt wird unser Kirchenkreis Aachen. Am 12. Juni 2013 werden wir in einem Gottesdienst daran erinnern. Die evangelischen Gemeinden Aachen, Eupen, Imgenbroich, Kirschseiffen, Lürken, Monschau, Roetgen, Schleiden, Stolberg, Vorweiden und Zweifall versammelten sich damals in Aachen zu einer Kreissynode, die in der Ausdehnung der heutigen schon recht ähnlich war. Doch beginnt die Geschichte der Protestanten in unserem Raum nicht erst 1838. Sie reicht weit zurück. Und sie ist bemerkenswert. 

Schon wenige Jahre, nachdem Martin Luther 1517 seine berühmt gewordenen „95 Thesen“ an der Tür der Wittenberger Schlosskirche angebracht hatte, gab es an vielen Orten und Häusern zwischen Floverich und Puffendorf im Norden und der Ahr im Süden, in Aachen, Stolberg oder auch im Hohen Venn Menschen, die sich zum gemeinsamen Lesen der biblischen Schriften und zur Pflege einer eigenen, an der Bibel sich orientierenden Frömmigkeit trafen.

Dabei ist es erstaunlich, dass sich die wiederentdeckte gute Botschaft von Gottes Liebe, Gnade und Vergebung bei uns verbreiten konnte, ohne dass es eine ausgesprochene Führungsfigur, einen „Reformator“, der der Bewegung seinen persönlichen Stempel hätte aufdrücken können, gegeben hätte. Die „Reformation im Westen“ hatte einen ganz eigenen, und dadurch besonders kostbaren Charakter.

Regelrechte Gemeinden, so wie wir sie heute kennen, gab es in den ersten drei Jahrzehnten wohl noch nicht. Auch hatte sich zunächst noch kein scharfes konfessionelles Profil, wie wir es heute kennen, entwickelt. Es gab Taufgesinnte, Reformierte, Lutheraner oder Reformkatholiken. Die Grenzen waren vielfach noch nicht klar gezogen und durchlässig. Täuferische Prediger - etwa aus Wassenberg am Unterlauf der Rur - zogen durch das Land, von Stadt zu Stadt, von Weiler zu Weiler und Hof zu Hof. Man traf sich in Privathäusern, etwa im „Haus Löwenstein“ in Aachen - in Scheunen oder auch im Wald. Hier wurde gebetet, gepredigt und getauft. Eigene Kirchengebäude hatte man zwei, drei Generationen lang - vielfach aber noch viel länger - nicht zur Verfügung. Evangelisches Leben hing nicht von kirchlichen Gebäuden ab. Man wusste voneinander und hielt untereinander Kontakt unter Gleichgesinnten. Aber man musste sich auch im Verborgenen halten, denn die Obrigkeiten - und es gab derer einige in unserer Region - waren den unterschiedlichen reformerischen Bewegungen meist misstrauisch bis feindlich gesonnen.

Dabei verliefen die Entwicklungen in den Orten und Regionen unseres weitläufigen Kirchenkreises nicht gleichmäßig. Heute kaum mehr wahrzunehmende Grenzen verliefen kreuz und quer durch unser Gebiet und bestimmten unter Umständen über Verbleib oder Flucht, Verfolgung oder vorläufige Sicherheit. Ganz Europa war zudem durch die Reformation in Bewegung gekommen. Viele wurden nun um des Glaubens willen verfolgt und vertrieben und machten sich auf die Suche nach Sicherheit und neuer Heimat. Aachen wurde Zufluchtsort für viele Protestanten etwa aus Holland, Flandern und der Wallonie.

Man las die Schrift. Man hörte Predigten. Man besprach und regelte die gemeinsamen Angelegenheiten. Der Grundstein einer späteren presbyterial-synodalen Ordnung wurde schon damals gelegt. Man verfolgte wohl auch so gut man konnte die theologischen Diskussionen, die überall in Europa leidenschaftlich geführt wurden - und man entschied sich aufgrund eigener Anschauung und Überzeugung, nicht aus Zwang oder Opportunismus. Unter Umständen ging man dabei ein hohes Risiko ein - für Hab und Gut - aber auch für Leib und Leben.

So untersagte der Rat der Stadt Aachen 1534 bei Todesstrafe jeden anderen Glauben als den römischen. 1552 wird eine „Maria von Monjou“ in Monschau ihres täuferischen Bekenntnisses wegen durch Ertränken in der Rur hingerichtet. Im gleichen Jahr kann aber auch der Protestant Adam van Zevel Bürgermeister von Aachen werden.

Ein bedeutendes Ereignis war schließlich der „Augsburger Religionsfriede“ von 1555. Die dort vereinbarte Formel „cuius regio - eius religio“ bedeutete, dass der Landesherr die Religion seiner Untertanen festlegte. Für Aachen brachte das im Verlauf so etwas wie eine eingeschränkte Religionsfreiheit. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts kann man wohl in Aachen von vier nichtkatholischen Gemeinden ausgehen: eine Mennonitengemeinde, die Deutsch-Reformierte Gemeinde, die Französisch-Reformierte Gemeinde, und die Lutherische Gemeinde.

Auch anderswo im Bereich des Kirchenkreises taten sich zu der Zeit bedeutsame Dinge. Der StraßburgerReformator Martin Bucerden der Kölner Erzbischof Hermann von Wied in unsere Gegend gerufen hatte, um die Reformation des Erzbistums Köln vorzubereiten, predigte 1542 in der Schleidener Schlosskirche und löste damit eine Bewegung im Schleidener Tal aus, die 1559 dazu führte, dass hier offiziell die Reformation eingeführt wurde. Aus Schleiden stammen zudem die beiden Gelehrten Johann Sturm und Johann Philippi, genannt „Sleidanus“ , die sich von Straßburg aus für die europaweite Durchsetzung der Reformation einsetzten.

Schon 1543 sollen die Eheleute Schmitz aus Monschau lutherisch geworden sein. 1548 wird von einem ersten lutherischen Gottesdienst in Zweifall berichtet. 1564 gibt es erste Spuren der Reformation in Stolberg, 1567 taucht der erste reformierte Pfarrer in Eupen auf, ab 1572 gibt es eine reformierte Gemeinde nördlich von Aachen, wo die Familie von Mangelman einen Raum auf der heute abgerissenen Burg Lürken für den evangelischen Gottesdienst zur Verfügung stellte. In späteren Jahren der Unterdrückung und Verfolgung fanden hier und auch in Vaals viele Aachener Protestanten ihre gottesdienstliche und seelsorgliche Heimat. Seit 1570 schließlich traf man sich im Herzogtum Jülich zu einer Synode, um Dinge gemeinsamen Interesses untereinander abzustimmen.

Eine Entwicklung hatte begonnen, die beileibe nicht geradlinig bis in die heutige Zeit verlaufen ist. Insbesondere die Gegenreformation und der Dreißigjährige Krieg führten dazu, dass die hoffnungsvollen Anfänge vielerorts nicht zur Entfaltung kommen konnten. Einige Gemeinden blieben zwar bestehen, doch vielfach „unter dem Kreuz“ - in Bedrückung und Verfolgung. Andere verschwanden wieder für Jahrhunderte. Doch können wir uns anlässlich der ersten regelrechten Aachener Kreissynode vor 175 Jahren voller Erstaunen und Dankbarkeit auch an das erste protestantische Jahrhundert in der Aachener Region erinnern.

Pfr. Jens-Peter Bentzin, Monschauer Land

Kommissarischer Beauftragter für die Archivpflege und das Reformationsjubiläum im Kirchenkreis Aachen

Pfarrer Jens-Peter Bentzin

Schönforster Straße 1
52156 Monschau
Tel.: 02472 / 912350
E-Mail: jens-peter.bentzin@ekir.de

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