11.10.2019

Pfarrkonvent tagte "hinter Gittern"

Pfarrerinnen und Pfarrer aus dem Kirchenkreis Aachen treffen sich in der JVA - Gefängnispfarrerin und -Seelsorgerin Sabine Reinhold berichtet von ihrer Arbeit

Der Pfarrkonvent im Kirchenkreis Aachen traf sich in der JVA Aachen. (Foto: Stephan Klumpp)

Dass die Pfarrerinnen und Pfarrer im Kirchenkreis Aachen beim monatlichen Pfarrkonvent ihre Ausweise abgeben und durch eine Sicherheitsschleuse treten müssen, ist eher ungewöhnlich. Doch der Pfarrkonvent in dieser Woche war kein gewöhnlicher – schließlich fand er in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Aachen statt. Dorthin hatte Gefängnispfarrerin und –Seelsorgerin Sabine Reinhold ihre Kolleginnen und Kollegen eingeladen, um über ihre Arbeit zu berichten und Denkanstöße zu geben zum Umgang mit Inhaftierten.

„Keine Gefangenseelsorge, sondern Gefängnisseelsorge“

Pfarrerin Reinhold ist gemeinsam mit Pfarrer Ulrich Eichenberg als evangelische Pfarrerin und Seelsorgerin in der JVA Aachen tätig. Dort arbeitet sie in erster Linie in der Untersuchungshaft – also in dem Teil der Anstalt, in dem Männer leben, die noch auf ihre Urteilsverkündung warten. Derzeit sind das circa 350 Männer, wobei die „Durchlaufzahl“ mit 2000 bis 3000 Häftlingen pro Jahr deutlich höher ist. Regelmäßig finden evangelische Gottesdienste in der JVA statt, jeweils einer für die Menschen aus der Untersuchungshaft und einer für diejenigen aus der Strafhaft. Wobei nicht nur Inhaftierte das Angebot wahrnehmen: Sie sei „keine Gefangenenseelsorgerin, sondern Gefängnisseelsorgerin“, betonte Reinhold ausdrücklich. Als solche ist sie sowohl für die Gefangenen als auch für die Bediensteten seelsorgerisch tätig. Immer wieder nehmen Bedienstete auch aktiv am Gottesdienst teil.

Gottesdienst unter besonderen Bedingungen

Die Gottesdienste in der JVA laufen dabei durchaus anders ab als in den anderen Gemeinden im Kirchenkreis. Und das nicht nur aufgrund der anwesenden Sicherheitsbeamten. Manchmal müsse sie in ihren Gottesdiensten auch disziplinieren und um Ruhe bitten, erzählte Reinhold, wobei sie Verständnis habe dafür, dass Inhaftierte den Gottesdienst auch für persönliche Gespräche nutzen: „Der Gottesdienst ist für viele hier die einzige Möglichkeit, sich spontan und ohne Verabredung mit anderen zu treffen.“ Dennoch werde sie auch immer wieder nach Gottesdiensten von Inhaftierten und Bediensteten angesprochen, denen eine Andacht besonders nahegegangen ist und die sich persönlich dafür bedanken wollten. Und so manches allgemein bekannte Kirchenlied sei auch im Gefängnis ein Hit.

„Im Gottesdienst und auf den Fluren sichtbar“

Neben den Gottesdiensten sei die Seelsorge eine zentrale Tätigkeit der „Knastpfarrer“, erzählte Pfarrerin Reinhold: „Wir sind nicht nur im Gottesdienst, sondern auch auf den Fluren sichtbar.“ Für die JVA-Insassen sind die Seelsorger, die der Schweigepflicht unterliegen, dabei die einzigen, mit denen sie frei über alles reden können. Und dass es jemanden gibt, mit dem sie das können, sei sehr wichtig. Denn gerade für Menschen, die zum ersten Mal in Untersuchungshaft kommen, sei die neue Situation eine große mentale Herausforderung. Sie müssten sich nicht nur auf den Haftalltag, der von klaren Regeln und Fremdbestimmung dominiert wird, einstellen, sondern oftmals werde den Inhaftierten auch bewusst, was diese Situation für ihre Familie bedeutet, die sie nicht kontaktieren können. Und auch für bereits länger Inhaftierte seien Seelsorgerinnen und Seelsorger wichtige Vertrauenspersonen. Und manchmal gehe es auch ganz einfach darum, über etwas Anderes reden zu können „als immer nur das schlechte Essen aus der Gefängnisküche.“

„Gott traut es euch zu“

In ihrer Andacht ging Pfarrerin Reinhold dann auf den Umgang mit Inhaftierten und Verurteilten in unserer Gesellschaft ein und äußerte sich kritisch gegenüber einer Stigmatisierung, die sie häufig erlebe: „Ich finde es schwierig, dass Menschen ihre Haftstrafe absitzen, aber am Ende trotzdem ein Stempel bleibt.“ Dieser Stempel, der zum Beispiel bei Job- und Wohnungssuche ein großes Hindernis darstellen kann, mache einen Neuanfang nach der Haftentlassung schwer. In der Bibel, so Reinhold, werden Gefangene immer wieder neben Kranken, Armen und Hungernden genannt – also „geringsten Brüdern“, mit denen sich Jesus vergleicht. Gott lege sich nicht fest und sage zu jedem Menschen: „Du darfst neu anfangen.“ In diesem Zusammenhang stehe auch ihr Lieblingssatz, den sie in jedem Gottesdienst in der JVA wiederholt: „Gott traut es euch zu.“

Sozialarbeiterin und Integrationsbeauftragte erzählt von ihrer Arbeit

Neben Pfarrerin Reinhold berichtete auch Christina Niggemeyer, Sozialarbeiterin und Integrationsbeauftragte in der JVA, von ihrer Arbeit. Als Sozialarbeiterin stehe sie in einem anderen Verhältnis zu den Inhaftierten als die Seelsorger, denn während letztere der seelsorgerischen Schweigepflicht unterliegen, sind Sozialarbeiter dazu verpflichtet, Berichte zu schreiben und im Zweifelsfall sogar vor Gericht auszusagen. Dennoch gehe es auch in ihrer Arbeit in erster Linie darum, den Inhaftierten zur Seite zu stehen, zum Beispiel in Erstgesprächen mit Neuankömmlingen oder bei der Erstellung individueller Vollzugspläne, die für jeden Straftäter erstellt werden. Dass die Inhaftierten Hilfe benötigten, sei verständlich, schließlich seien viele von ihnen schon vor der Haftstrafe mit ihren Problemen überfordert gewesen.
In ihrer Rolle als Integrationsbeauftrage kümmert Niggemeyer sich außerdem um die Integration von ausländischen Strafgefangenen. Diese Aufgabe sei sehr vielfältig: Es gehe nicht nur darum, Dolmetscher zu finden, sondern beispielsweise auch, verunsicherte Bedienstete zu beraten, wenn diese nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen, wenn sie einen muslimischen Inhaftierten versehentlich beim Gebet stören. Außerdem bietet Niggemeyer in der U-Haft den Kurs „Wie tickt Deutschland?“ an, bei dem sich Inhaftierte über politische, gesellschaftliche und kulturelle Eigenheiten Deutschlands informieren können. Dieses Angebot werde nicht nur von ausländischen Strafgefangenen wahrgenommen, sondern auch von deutschen, die auf diesem Gebiet manchmal ebenfalls Nachholbedarf hätten, erzählte Niggemeyer schmunzelnd.

Gruppengespräche mit Ehrenamtlichen

Nach den Vorträgen von und Gesprächen mit Pfarrerin Reinhold und Christina Niggemeyer hatten die Teilnehmer die Möglichkeit, sich in Kleingruppen auch über die Arbeit von Ehrenamtlichen zu informieren. Ehrenamtliche Betreuer erfüllen in der Gefängnisseelsorge vielfältige Aufgaben, zum Beispiel in Form von Bibelrunden, Gruppen- oder Einzelgesprächen. Eveline Heinrich-Schulz, seit 15 Jahren ehrenamtlich in der JVA tätig, erzählte beispielsweise von ihren Erfahrungen in den Einzelgesprächen, die sie regelmäßig mit Inhaftierten führt - und von einem Weihnachtsessen, welches sie vor einigen Jahren mit ihrem Mann in der JVA organisierte und das ihr in besonderer Erinnerung geblieben ist. Im Anschluss an das Essen sei einer der Strafgefangenen, ein „knallharter Kerl“, zu ihr gekommen, habe sie umarmt und sich bedankt: „Da wusste ich, dass ich hier angekommen bin.“ Ihre Erlebnisse in den Einzelgesprächen seien nicht immer positiv, denn es sei auch schon vorkommen, dass Inhaftierte versucht hätten, sie auszunutzen. Mit vielen entwickle sich aber ein sehr inniges Verhältnis. Ein ehemaliger Strafgefangener wohnt mittlerweile sogar bei ihr zur Miete.

Superintendent dankt für Engagement

Zum Abschluss dankte Superintendent Pfarrer Hans-Peter Bruckhoff den in der JVA Tätigen, dass sie den Pfarrkonvent auf so informative und eindringliche Weise an ihrem beruflichen und ehrenamtlichen Engagement teilhaben lassen hatten.

(Text und Fotos: Stephan Klumpp)

Die Losungen der Herrnhuter Brüdergemeine:
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